31 lines
2.9 KiB
Markdown
31 lines
2.9 KiB
Markdown
Und weil der Mensch ein Mensch ist …
|
|
|
|
gesellschaftspolitischen Diskurs dafür zu engagieren, dass blockierende, behindernde strukturelle Macht- und Gewaltstrukturen überwunden werden, oder anders ausgedrückt: »Für den echt humanistischen Erzieher wie den echten Revolutionär ist die Wirklichkeit, die von ihnen mit anderen Menschen verwandelt
|
|
werden muß, Gegenstand des Handelns, nicht aber der Mensch selbst« (Freire
|
|
1968/1998, S. 77).
|
|
In der materialistischen Behindertenpädagogik nach Feuser und Jantzen, die
|
|
sich in der direkten Tradition der Kulturhistorischen Schule u. a. nach Luria, Leontjev und Vygotskij sieht (Feuser 2000; Jantzen 2003), entstand eine Wissenschaft
|
|
vom Anderssein, die sich konsequent gegen ein naturalistisch-biologistisches Verständnis von Behinderung richtet und deutlich Stellung bezieht gegen eine kulturelle und gesellschaftliche Wirklichkeit von Ausgrenzung und Aussonderung. Bereits mit dem Beginn ihrer Entwicklung in den 1970er-Jahren wurde z. B. ein
|
|
Verständnis der Integration von Kindern mit Behinderungen beschrieben und
|
|
wissenschaftlich begründet, das dem heutigen Begriff der Inklusion bereits damals
|
|
um Längen voraus war (Feuser 1981). Und ebenfalls in den frühen 1970ern wurde
|
|
mit der folgenden These ein Paradigmenwechsel in der damals geltenden Heilund Sonderpädagogik eingeleitet:
|
|
»Was es aber bedeutet, Behinderter in einer Gesellschaft zu sein, die Behinderung in solch negativer Weise akzentuiert, oder was es in dieser Gesellschaft
|
|
bedeutet, ein behindertes Kind zu haben, diese Fragen sind weitgehend offen.
|
|
[…] Nur eine Herausnahme der Betrachtung von Behinderung als naturgegebenes Schicksal in die Dimension der gesellschaftlichen Beschränkungen und
|
|
Möglichkeiten ermöglicht es letztlich, dem Behinderten nicht nur als Kranken,
|
|
als Stigmatisierten, als Gegenstand, sondern als Mensch mit all seinen Möglichkeiten und Grenzen, Vorteilen und Fehlern gegenüberzutreten« (Jantzen 2003,
|
|
S. 105; unter Bezug auf Jantzen 1973).
|
|
|
|
Bedeutung für die Traumapädagogik
|
|
In der pädagogischen Arbeit mit traumatisierten Menschen geht es nicht um eine besondere Technik oder Methodik im Umgang mit der einzelnen betroffenen Person. Im
|
|
Gegenteil, eine Typ-2-Traumatisierung ist aus pädagogischem Verständnis nicht als psychische Erkrankung zu betrachten, sondern als Folge von Gewalt, die ein Mensch durch
|
|
einen anderen oder mehrere andere Menschen, oftmals enge Bezugspersonen, erleiden
|
|
und überleben musste. Damit positioniert sich die Pädagogik in der interdisziplinären
|
|
Psychotraumatologie bewusst in einem eigenen Feld, ohne den Austausch mit anderen
|
|
Fachdisziplinen zu meiden oder außer Acht zu lassen. In der Gestaltung der eigenen
|
|
fachlichen Praxis bezieht sie jedoch systemische und sozialpolitische Analysen und Betrachtungsweisen von individueller und struktureller Gewalt in das eigene Handeln ein,
|
|
denn Typ-2-Traumatisierungen sind immer auch politisch.
|
|
|
|
71
|