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Reformerische und emanzipatorische Pädagogik
Beitrag der Pädagogik an der Bewältigung gesellschaftlicher Traumata
Der kritische Theoretiker Theodor W. Adorno (19031969), auch er beeinflusste
die emanzipatorische Pädagogik wesentlich, begriff die pädagogische Arbeit als
eine Möglichkeit, kollektive Traumata zu überwinden. Vor dem Hintergrund der
Geschehnisse von Auschwitz stellte er sich die Frage, wie man solche Gräueltaten
zukünftig verhindern könne. Den einzigen Ausweg sah er in der »Wendung aufs
Subjekt« (Adorno 1966, S. 90) als Gegenpol zu den objektiven Gegebenheiten:
»Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen« (Adorno 1966, S. 89f.). Er siedelte die Möglichkeiten zur Verhinderung einer Wiederholung jener Grausamkeiten in der Bewusstseinsveränderung an. Das Wissen um
jene Mechanismen sei Voraussetzung zur Veränderung des Selbstbewusstseins
(Adorno 1963, S. 144). Das Individuum sei mittels allgemeiner Aufklärung an eine
kritische Selbstreflexion heranzuführen und ein öffentliches Klima zu schaffen,
»[...] dass eine Wiederholung nicht zuläßt« (Adorno 1966, S. 91). Schlussendlich
gehe es darum »[...] die Unfassbarkeit des Geschehenen in das Bewusstsein zu
lassen, damit es nicht wieder passieren kann« (Adorno 1966, S. 88). Adorno forderte eine Erziehung der Erzieher. Sie sollten ein Bewusstsein für Menschenwürde, Empathie und Selbstbewusstsein entwickeln und vermitteln, so »[…] daß die
Menschen […] sich selbst als Subjekte der politischen Prozesse wissen« (Adorno
1963, S. 130). Er fokussierte die permanente Reflexion des pädagogischen Handelns, der Einflussfaktoren und Bedingungen, unter denen Erziehung stattfindet.
Unreflektierte Praxis bedeutete für Adorno unkritische Übernahme bestehender
Bedingungen und Werte und die Reproduktion derselben (Marini 2008, S. 6973).
Sich wieder einmischen in gesellschaftliche Prozesse
Über die Gleichstellung der am Erziehungsprozess Beteiligten hinaus bedeutet
Demokratie das Einmischen in gesellschaftliche Prozesse. Durch Selbstreflexion
soll es dem Menschen möglich werden, sich von den gegebenen Verhältnissen zu
distanzieren oder die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern (vgl. Mollenhauer 1970). In Folge dieser Diskussionen vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Aufbruchs entstanden in der jugendpolitischen Praxis der 1970er-Jahre
Lehrlingskollektive, selbstverwaltete Jugendzentren, Projekte politischer Pädagogik mit Hauptschulklassen, in der Bildungslandschaft zahlreiche Reformschulen,
Mitbestimmungsstrukturen, Projektunterricht und andere Methoden und Initiativen, die die Subjektivität, Selbsttätigkeit und Ganzheitlichkeit ins Zentrum ihrer
Arbeit stellten. Zum Teil initiierten dies die Betroffenen selbst, zum Teil mit maßgeblicher Begleitung von Pädagog*innen, zum Teil auch mit öffentlicher Unterstützung. In Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe entstanden unterschiedlichste Beteiligungsstrukturen, wie die emanzipatorische Mädchenarbeit. Diese