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kontrolliert zu erfassen. Bei Texten lassen sich zwei Ebenen unterscheiden:
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Auf der Oberfläche ist eine formale, syntaktische Ebene erkennbar, von der
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sich die tiefenstrukturelle, semantische Ebene der Bedeutungen abhebt.
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Menschliches Handeln konstituiert sich nach Oevermann entlang von
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Regeln, die den Handlungen erst Bedeutung verleihen und einen Raum
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möglicher Verhaltensweisen für die Subjekte aufspannen. Dies zeigt sich in
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den biografischen Erzählungen von Menschen, die immer auch Ausdruck
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ihrer regelgeleiteten Orientierungsstrukturen sind. Daraus schließt
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Oevermann, dass die Interpretation der Protokolle dieses Handelns unter
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Rückgriff auf Regelwissen zu erfolgen hat. Dabei unterscheidet er zwischen
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Regeln mittlerer bis geringerer Reichweite und Universalregeln oder
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Bedingungsstrukturen menschlichen Handelns – wie Grammatik, Moral,
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Logik und Vernunft –, die relativ stabil sind (vgl. Oevermann 1986:29 ff.).
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Die universellen Strukturen bilden die Grundlage für kommunikatives
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Handeln und damit auch für Interpretationen von Texten. Regeln bzw.
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Strukturen mittlerer oder tieferer Reichweite unterliegen
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sozialisationsbedingt sog. Transformationsprozessen. Die primären und
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sekundären Sozialisationsinstanzen (wie Elternhaus, Schule, Beruf) spielen
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eine wichtige Rolle in der Vermittlung von Sinn generierenden und
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Orientierung vermittelnden Mustern. In jeder sozialen Handlung wird der
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gesellschaftlich-kulturelle Hintergrund eines Menschen als meist nicht
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offenkundige (latente) soziale Struktur wirksam, die Oevermann als sog.
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›Objektive Sinnstruktur‹ bezeichnet (vgl. 1986:54 f.).
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Hier setzt nun die Objektive Hermeneutik ein, weil sie davon ausgeht,
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dass die Handlungsoptionen einer konkreten Lebenspraxis durch Regeln
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präformiert sind und Funktion und Gesetzmäßigkeit der zugrunde
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liegenden Sinnstrukturen nur in einem mehrstufigen
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Interpretationsverfahren reflexiv erschlossen werden können. Unter
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Lebenspraxis versteht Oevermann ein Individuum (Subjekt), eine Familie,
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Gruppe, Gemeinschaft oder Organisation. Er geht davon aus, dass die
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latenten Sinnstrukturen dem Individuum (Lebenspraxis) in der Regel
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verschlossen bleiben. Rekonstruktives Fallverstehen nimmt den
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Unterschied zwischen »objektiven Möglichkeiten« und den »wirklichen
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Verläufen« (Oevermann 2000b:69) als Ansatzpunkt, indem die beiden
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Ebenen der Sinnstrukturen miteinander sequenzanalytisch verglichen
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werden. Die Sequenzanalyse geht davon aus, dass jedes »scheinbare EinzelHandeln (…) sequenziell im Sinne wohlgeformter, regelhafter
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Verknüpfungen an ein vorausgehendes Handeln angeschlossen worden [ist]
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und [es] eröffnet seinerseits einen Spielraum für wohlgeformte,
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regelmäßige Anschlüsse« (ebd.:64). Die Rekonstruktion einer Fallstruktur
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besteht deshalb nicht darin, Merkmale einer Lebenspraxis zu sammeln und
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zu kategorisieren. Vielmehr soll die Selektivität dieser Lebenspraxis in der
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Rekonstruktion der Ablaufstruktur der fallspezifischen Entscheidungen
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formuliert werden. »Die objektiv-hermeneutische Textinterpretation zielt auf
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die Rekonstruktion der Strukturiertheit der Selektivität einer protokollierten
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Lebenspraxis« (Wernet 2000:15, Hervorheb. original). Das bedeutet, dass
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die sequenziell vorgehende Analyse den latenten Sinn einer Situation
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rekonstruiert und damit die fallspezifische Struktur visualisiert. Dies führen
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Oevermann et al. zur Aussage, dass »mit dem Begriff der latenten
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Sinnstrukturen (…) objektive Bedeutungsmöglichkeiten als reale
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eingeführt« (1979:381) werden.
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