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Hochuli Freund
31.7.17 S. 74
Teil 1 Konzeptionelle Grundlagen
so einfach ist dieser Anspruch in der Realität aber nicht umzusetzen. Es stehen
ihm mindestens drei Widerstände gegenüber:
Erstens sind wir alle in einem bestimmten moralischen Klima aufgewachsen
und sozialisiert, und wir können uns der Wirkungen unserer subjektiven moralischen Verfasstheit und unserer Sollens-Ansprüche gegenüber anderen nicht
ohne Weiteres entziehen. Es gibt keinen Schalter, an dem wir unser moralisches
Empfinden ausschalten können, denn es macht uns als Individuen ganz massgeblich aus (vgl. Habermas 2015:104, Geulen 2010).
Zweitens geschah und geschieht die Definition derjenigen sozialen Probleme,
mit denen sich Soziale Arbeit beschäftigen soll, oft auf Grund diffuser gesellschaftlicher Moralvorstellungen. So wurde die Frage nach akzeptierbaren Sozialisationsbedingungen für Kinder vor fünfzig Jahren noch ganz anders beantwortet als heute. Damals landeten Kinder lediger Mütter unabhängig von deren
erzieherischer Kompetenz in sozialpädagogischer Obhut, während Gewalt und
Schläge in sog. kompletten Familien als normal galten. Welche Moralvorstellungen die Definition Sozialer Probleme heute beeinflussen, werden wir wahrscheinlich erst in einigen Jahren erkennen.
Drittens haben Professionelle der Sozialen Arbeit mit der Exklusionsvermeidung und Inklusionsvermittlung den professionellen Auftrag, ihre Klientinnen
und Klienten auch mit den moralischen Gepflogenheiten derjenigen Systeme, in
die sie inkludiert werden wollen oder sollen, vertraut zu machen. Moral soll
vorgelebt und eingefordert werden, Klientinnen und Klienten sollen mit den
Wirkungen ihres »unmoralischen« Verhaltens konfrontiert und zur moralischen Einsicht bewegt werden, sodass sie sich in Zukunft unauffällig und kompetent in gesellschaftlichen Funktionssystemen bewegen.
Professionelle der Sozialen Arbeit sind also aufgefordert, angesichts eines
professionellen Auftrags, der u. a. durch die moralische Verfasstheit unserer
kulturellen Gemeinschaft geprägt ist und auch die moralische Erziehung von
Klientinnen und Klienten beinhaltet, ihre eigenen internalisierten moralischen
Vorstellungen aussen vor zu lassen deren Existenz und Qualität sie im Alltag
kaum bewusst wahrnehmen. Eine kleine Entlastung bietet uns hier Jürgen Habermas mit seinem Hinweis darauf, dass nicht alle Handlungen und
Handlungsentscheidungen eine moralische Qualität aufweisen. Habermas unterscheidet zwischen drei Formen der Entscheidungsfindung, denen ganz unterschiedliche Problemstellungen zugrunde liegen (vgl. Habermas 2015:100ff.):
Pragmatische Entscheidungen sind dann zu treffen, wenn das Ziel einer
Handlung bekannt ist und es nur noch darum geht, denjenigen Lösungsweg
auszuwählen, der am effizientesten, einfachsten oder nachhaltigsten zur Erreichung dieses Ziels führt. Zentrales Kriterium pragmatischer Entscheidungen ist
die Zweckmässigkeit (vgl. ebd.:101).
So ist die Frage, ob in einer betreuten Wohngruppe die zerschlagene Salatschüssel durch eine Schüssel aus Chromstahl oder aus Plastik ersetzt wird,
eine pragmatische, wenn das Ziel Salat zu essen gesetzt ist. Fraglich ist
einzig die technische Erreichung dieses Ziels.
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