2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-kinder-und-haeusliche-gewalt/pages/180.md

32 lines
2.6 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

182
Ein kritischer Blick auf die (familien-)rechtlichen Rahmenbedingungen
Jugendämtern und Familiengerichten, ein „missing link“ des Interventionssystems ist aber die Strafjustiz. Die Rate der Einstellungen von Strafverfahren
ist hoch und nur etwa bei jeder siebenten Strafanzeige kommt es zu einer
Verurteilung (Haller u.a. 2002). Konsequentes Vorgehen gegen Gewalt fehlt
also häufig in diesem Bereich.
Kinderschutz im Interventionssystem
Kinder wurden zwar bei der Entwicklung des Gesetzes mitbedacht und kommen auch im Interventionssystem vor, gehen jedoch leicht wieder „verloren“
und werden nicht oder zuwenig beachtet. Im Folgenden werden einige Probleme bezüglich der „Kindertauglichkeit“ des Interventionssystems aufgezeigt. Den Schwerpunkt bilden dabei die Erfahrungen der Wiener Interventionsstelle.
Die Praxis zeigt, dass die Polizei eher selten Wegweisungen durchführt,
wenn Kinder die Hauptbetroffenen von Gewalt sind: Zwischen 2000 und 2004
waren in 1,3% bis 3,2% aller Wegweisungen Kinder die primär gefährdeten
Personen (Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, Tätigkeitsberichte 2001-2005). Ein Grund für diese geringe Zahl könnte sein, dass
Kinder selten die Polizei rufen (können), wenn sie Gewalt erleiden. Für diese
These spricht, dass die Zahl der von Gewalt betroffenen Jugendlichen deutlich höher ist als die der Kinder unter 14 Jahren. Jugendliche sind eher in der
Lage, selbst die Polizei zu verständigen. Es könnte auch sein, dass Jugendliche häufiger von Gewalt betroffen sind, wenn sie beginnen, sich zu wehren.
Der Jahresvergleich zeigt, dass die Zahl der Wegweisungen die Kinder und
Jugendliche betreffen, leicht ansteigt. Dies kann einerseits ein Hinweis auf
mehr Gewalt sein, es könnte aber auch bedeuten, dass die Polizei hinsichtlich
dieses Punktes sensibler geworden ist. Schließlich ist noch auffällig, dass wesentlich mehr Mädchen als Jungen Opfer von Gewalt sind. Auch bei Gewalt
gegen Kinder und Jugendliche sind die Täter überwiegend männlich (88%).
Kinder sind in vielen Fällen indirekt von Gewalt betroffen (ca. drei Viertel aller Polizeieinsätze erfolgen in Familien mit Kindern) und häufig sind Frauen
und Kinder gemeinsam Opfer von Gewalt. Direkt und indirekt erlebte Gewalt
hat massive negative Auswirkungen auf die Entwicklung und Gesundheit
der Kinder (Hester/Pearson/Harwin 2000, Strasser 2001). Väter sind also auch
dann als gewalttätige Väter zu klassifizieren, wenn sie „nur“ gegenüber der
Mutter direkt Gewalt ausüben (MA 57 Frauenförderung und Koordinierung
von Frauenangelegenheiten 2000).