3.2 KiB
368
Modelle der Unterstützung für Mütter bei häuslicher Gewalt
Im Kontakt mit dem zuständigen Jugendamt wurde vereinbart, dass ihr eine Inobhutnahme mit anschließender Clearingphase angeboten werden könne. Es fiel Jasmin sehr schwer, ihre Wünsche zu formulieren. Immer wieder kippte sie in der Ambivalenz ihrer Gefühle hin und her. Der Wunsch nach dem Vater und seiner Anerkennung, der Sehnsucht nach den schönen Stunden mit ihm wechselte manchmal innerhalb von Minuten in Wut, Sorge um die Mutter zu Hause und Traurigkeit. Der Auftrag der Tochter an die Gespräche konnte von daher zunächst nur der Wunsch nach Veränderung der Situation sein. Die Mutter kam allein zum Gespräch und konnte die Gewalttätigkeit des Vaters nicht bestätigen. Sie klagte, dass ihre Tochter lügen würde, wie in vielen anderen Bereichen auch. Im gemeinsamen Gespräch zeigte sie sich hart und beschrieb sehr beschämend für die Tochter, wie diese doch im Grunde dem Vater immer hinterher laufen würde. Sie würde sich nur für seine Unaufmerksamkeit ihr gegenüber rächen. Als der Mutter gemeinsam mit der Mitarbeiterin vom Jugendamt deutlich zu verstehen gegeben wurde, dass der Tochter geglaubt und hier eine Gefährdung des Kindeswohl gesehen würde, brach sie weinend zusammen und konnte ihre eigene Verletzung beschreiben. Es war, als ob sie eine stärkere Autorität gesucht hätte, die sie und ihre Tochter schützen könnte. Es war für sie aber immer noch undenkbar, die jahrelange Abhängigkeit zu durchbrechen und den Weg ihrer Tochter zu gehen, den Mann zu verlassen. Für die Tochter stellte es zu diesem Zeitpunkt eine große Entlastung dar, nicht mehr dem Druck nach Loyalität mit dem Vater ausgesetzt zu sein. Gleichzeitig beschäftigte sie sich moralisch sehr damit, ob sie ihrem Vater nicht eine zweite Chance geben müsse. Da abzusehen war, dass sie in ihrer Ambivalenz von einem Tag auf den anderen zur Familie zurückkehren könnte, wurde der Vater allein eingeladen und mit seiner Gewalttätigkeit konfrontiert. Er konnte einräumen, dass er sehr jähzornig sei, bagatellisierte aber die Folgen. Da ihm sein Jähzorn auch schon im Beruf im Wege gestanden hatte, ließ er sich schließlich darauf ein, in einer Spezialberatung Hilfe in Anspruch zu nehmen. Schließlich kam es zu einem gemeinsamen Gespräch, bei dem die Tochter ihre Absicht, in die Familie zurückzukehren nach intensiver Aussprache mit der Mutter damit verknüpfte, dass sie beide bei dem ersten nächsten Gewaltübergriff gemeinsam gehen würden. Diese neue Solidarität schien unserer Einschätzung nach auf sehr tönernen Füssen zu stehen, da es auch den Eindruck gab, dass die Mutter die Tochter dafür benutzte, Druck auf den Mann auszuüben, da sie sich selbst zu schwach fühlte. Sie schien im Laufe der Gespräche nicht ein adäquates Gefühl für die Bedürfnislage ihrer Tochter entwickelt zu haben. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass durch das gemeinsame Ziel der Veränderung die häusliche Situation sich ändert und anderenfalls sich Mutter und Tochter wirklich zu einer Trennung entschließen können. Ein Mädchen wieder in eine latent gewalttätige Situation auf ihren eigenen Wunsch hin zu entlassen, stellt eine große Anforderung an die Beraterinnen