37 lines
3.0 KiB
Markdown
37 lines
3.0 KiB
Markdown
Männliche Jugendliche im Frauenhaus
|
|
|
|
221
|
|
|
|
Der Aufenthalt im Frauenhaus, der für viele die erste Trennung von dem
|
|
eigenen Zuhause, dem Vater und der gewohnten Umgebung darstellt, der
|
|
sich darüber hinaus in der Regel überraschend und ohne die Möglichkeit zur
|
|
Mitbestimmung vollzieht, sowie die vielen neuen Eindrücke und fremden
|
|
Menschen bewirken häufig Verunsicherungen, bedingen Überforderungen
|
|
und tragen zur Erschütterung des ohnehin labilen jugendlichen Selbstbewusstseins bei. Erhöhte Aufmerksamkeit, Vorsicht und Rücksicht, die nun
|
|
gefordert wären, können leider nicht immer den betroffenen Jungen entgegen gebracht werden, was zu Konflikten und Auseinandersetzungen im Haus
|
|
beitragen kann. Die bis dahin aufgrund der Misshandlung durch die Väter
|
|
häufig erlebte Isolation der Familie bricht auf und ist durch den Frauenhausaufenthalt abrupt beendet. Die Familie befindet sich plötzlich in einem quasi
|
|
„öffentlichen Leben“, das sich aufgrund von Enge und räumlicher Nähe entwickelt und mit verstärkter sozialer Kontrolle durch andere Frauen, Mädchen
|
|
und Jungen einhergeht.
|
|
Der Abbruch der Beziehung zum Vater geht dabei oft mit ambivalenten
|
|
Empfindungen einher. Das emotionale Pendeln zwischen Wut, Sehnsucht,
|
|
Scham, Trauer und Enttäuschung kann jedoch häufig weder empfunden noch
|
|
artikuliert werden, da die Verletzung der mütterlichen Gefühle befürchtet
|
|
wird oder die eigenen Ängste abgewehrt werden. Zumal in den Gesprächen
|
|
der Frauen untereinander die Männer negativ geschildert werden und unmissverständlich nahe gelegt wird, dass der Kontakt zu den Misshandlern
|
|
keinesfalls erwünscht ist. Auch wenn die Beziehung zum Vater bereits durch
|
|
sein Gewalthandeln innerhalb der Familie beeinträchtigt wurde, so bewirkt
|
|
der Beziehungsabbruch durch den Frauenhausaufenthalt eine Zunahme
|
|
schmerzvoller Empfindungen. Dieser Prozess der Trennungsverarbeitung
|
|
kann zudem von den Müttern aufgrund ihrer mangelnden Souveränität, aufgrund ihrer eigenen Betroffenheit, ihrer Verunsicherungen und Ängste nur
|
|
unzureichend bzw. gar nicht unterstützt werden, weshalb sich die Jungen
|
|
häufig selbst überlassen bleiben und sich die erlebte emotionale Krise verstärken kann. Die Übertragungen der unterschiedlichen Frauen, ihre Abwehr,
|
|
ihre Aggressionen, aber auch ihr mehr oder minder offenes Begehren (vor
|
|
allem der jüngeren Frauen) machen den Frauenhausaufenthalt nicht nur für
|
|
männliche Jugendliche zur Herausforderung.
|
|
Andererseits kann das Zusammenleben mit den anderen Frauen, Mädchen und Jungen im Haus auch Unterstützung bewirken, da deutlich wird,
|
|
dass auch andere Familien, andere Kinder und Jugendliche von Gewalterfahrungen betroffen sind und somit der „persönliche Makel“ an Bedeutung
|
|
verliert. Das Ausbleiben väterlicher Gewalt sowie das im Frauenhaus herrschende Gewaltverbot können Abbau von Stressempfindungen und Erholung bewirken. Fremdheit, Bedenken und Unsicherheiten gegenüber den
|
|
anderen Bewohnerinnen weichen im Verlauf des Zusammenlebens zumeist
|
|
auch größerer Sicherheit und besserer Orientierung, zumal ein eigener Platz
|