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(vgl. Wirth 1931) und basierend auf Erkenntnissen der qualitativen
Sozialforschung seit den 1980er Jahren Diagnosemethoden entwickelt, die
in Orientierung an einer ethnografischen Perspektive den Fall
rekonstruieren (vgl. Schütze 1993; Jakob/Wensierski 1997). Sie gehen
davon aus, dass die Lebenswelten und Problemlagen von Klienten den
Professionellen fremd sind und deshalb in einem zu definierenden
Erkundungsprozess erschlossen werden sollen. Aufgrund von
autobiografischen Erzählungen (siehe dazu Methode Narratives Interview,
Kap. 8.4.2) versucht die Sozialarbeiterin, die handlungsleitenden
Sinnkonstruktionen einer Klientin zu rekonstruieren. Dies geschieht, indem
Verfahren der qualitativen Sozialforschung angewendet werden, die einen
hermeneutischen (sinnverstehenden) Nachvollzug der Subjektperspektive
anstreben. Die Rekonstruktion biografischer Perspektiven kann den Zugang
zu den Lebenswelten und (eingeschränkten) Erfahrungsräumen von
Klienten öffnen, zu ihrer Sichtweise und ihren Deutungen, d. h. dazu, was sie
als gelingend erfahren (Ressourcen) und was sie als schwierig erachten und
sie bedrückt (Probleme). Fallrekonstruktionen ermöglichen, Hypothesen
über den Fall zu erstellen und daraus Hinweise auf hilfreiche Interventionen
abzuleiten.
Unter der Perspektive der Rekonstruktion wurden in den
Sozialwissenschaften viele Methoden entwickelt, die in der Forschung und
in der Hochschulausbildung, manchmal auch in der Praxis der Sozialen
Arbeit Anwendung finden. Im Folgenden werden einige ausgewählte
Methoden vorgestellt, zu denen viele Publikationen veröffentlicht sind und
die einen gewissen Bekanntheitsgrad aufweisen (vgl. Oevermann et al.1979,
1981, 1986, 2000b; Kraimer 2000; Fischer et al. 2007; Ader et al. 2001;
Haupert 1997, 2007). Aufgeführt wird mit der Systemmodellierung (
Kap. 10.3.5) auch eine Methode, die im Rahmen von Forschungsprojekten
entwickelt wurde und in der Praxis an verschiedenen Orten Anwendung
gefunden hat. Die Auswahl ist allerdings weder vollständig noch erhebt sie
den Anspruch einer qualitativen Auslese. Die Darstellung soll einen Einblick
in die Methoden geben, Verweise auf Literatur zur Vertiefung enthalten und
Möglichkeiten wie auch Grenzen rekonstruktiven Fallverstehens aufzeigen.
10.3.1 Objektive oder Strukturale Hermeneutik
Der Begriff Objektive Hermeneutik ist eng mit dem Namen des Soziologen
Ulrich Oevermann verbunden. Oevermann hat Ende der 1970er Jahre unter
diesem Stichwort eine Methode entwickelt, die lebensgeschichtliche
Erzählungen zunächst als (sprachliche) Texte versteht, die mittels einer
bestimmten Vorgehensweise interpretiert werden. Die Strukturale
Hermeneutik hat ihre Wurzeln u. a. im Symbolischen Interaktionismus
(George Herbert Mead), in der Sprechakttheorie (John R. Searle) und in der
Psychoanalyse (Sigmund Freud). Sie »geht davon aus, dass sich die
sinnstrukturierte Welt durch Sprache konstituiert und in Texten
materialisiert« (Wernet 2000:11). Texte nicht sprachlicher Art (wie z. B.
eine Fotografie) sollen und können versprachlicht werden, damit sie einem
interpretatorischen Zugang zur Verfügung stehen und Gegenstand einer
Sinnrekonstruktion werden (vgl. Oevermann 1986:46). Ziel der Objektiven
Hermeneutik ist es, den Sinn menschlicher Handlungen methodisch