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Beobachtung und Wahrnehmung
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Neurophysiologische und wahrnehmungspsychologische Erkenntnisse
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haben gezeigt, dass Beobachtungen immer subjektiv geprägt sind; insofern
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geben Beobachtungen in der Sozialen Arbeit die Perspektive der
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Professionellen wieder. Im Wissen darum bemüht sich die Sozialpädagogin
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um Sachlichkeit, indem sie sich ihre eigenen Gefühle bewusst macht und
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sich bei der Beobachtung gleichzeitig selbst beobachtet. Anschließend
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überprüft sie ihre Beobachtungen in einem intersubjektiven Vergleich mit
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denjenigen von anderen Professionellen. Bewusst-zielgerichtet Beobachten
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heißt auch, sich im Wissen um die Bedeutung dieses Prozessschritts Zeit zu
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nehmen, um aufmerksam mit allen Sinnesorganen wahrnehmen zu können,
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was geschieht. Die Anforderung, offen zu sein für reine Beobachtung, etwas
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nur wahrzunehmen, ohne es gleich wissen, bewerten und erklären zu
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wollen, scheint in der Praxis im Widerstreit zu stehen mit dem Anspruch,
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sich Orientierung zu verschaffen und zu beurteilen, um handlungsfähig zu
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bleiben. Deshalb ist eine kontinuierliche kritische Reflexion wichtig (
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Kap. 7.2).
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Der Prozess der Wahrnehmung spielt bei der Beobachtung eine zentrale
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Rolle. Wahrnehmen ist kein fotografisches Registrieren von Objekten oder
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Ereignissen, vielmehr entwirft der Mensch aus den verschiedenen
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Sinneseindrücken Bilder, indem er unterschiedliche Reizeinflüsse
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koordiniert und interpretiert. Es ist demnach entscheidend, welche
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Information(en) er im Moment als relevant erachtet. Aus der großen Fülle
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der Wahrnehmungen hat er jeweils eine beschränkte Auswahl zu treffen.
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Dabei ist zu berücksichtigen, dass Wahrnehmen auf unterschiedlichen
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Bewußtseinstufen stattfindet und von gespeicherten Erfahrungen
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vorstrukturiert wird. Normen, Werte, Erfahrungen, Einstellungen wie auch
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Stimmungen, Gefühle, Motive etc. fließen in die Wahrnehmung ein. Die
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Wahrnehmung liefert also nur ein unvollständiges, persönlich gefärbtes Bild
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der Wirklichkeit. Aus der Wahrnehmungspsychologie ist bekannt, dass es
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aus diesem Grund zu sog. ›Beobachtungsfehlern oder -fallen‹ kommen kann.
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Während des Beobachtens kommt es häufig zum sog. ›Primäreffekt‹ oder
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›primacy-effect‹. Dieser bezeichnet den anfänglichen Eindruck, den man von
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einer Person gewonnen hat. In der Folge steuert dieser Eindruck alle
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weiteren Wahrnehmungen, was zu sehr eingeschränkten Bildern und
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Vorstellungen führen kann. Eine sehr verbreitete Beobachtungsfalle wird
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mit dem Begriff ›Halo- oder Überstrahlungseffekt‹ umschrieben. Wenn bei
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einem Menschen bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen positiv
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oder negativ bewertet werden, wird die Wahrnehmung des Handelns dieses
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Menschen von dieser Einschätzung gesteuert. In der Folge nimmt man
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vermehrt nur diese Eigenschaften und Verhaltensweisen wahr. Wenn die
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Erwartungen des Beobachters bewirken, dass sich die beobachtete Person
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in Richtung dieser Erwartung entwickelt im Sinne einer sich selbst
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erfüllenden Prophezeiung, spricht man vom ›Rosenthal‹- oder ›PygmalionEffekt‹. Wahrnehmungsfallen und -fehler stellen sich ein, wenn zwischen
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den Beobachtungen und den eigenen Vorurteilen, Einschätzungen,
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Einstellungen, Stereotypisierungen und Attributionen nicht unterschieden
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wird (vgl. Gerrig/Zimbardo 2008).
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