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Interpretationen des Erzählten vor (Diagnose). Nach Abschluss des
Interviews äußert sie vielleicht ihre eigene vorläufige Einschätzung, worum
es hier gehen könnte (Analyse) und vereinbart mit dem Klienten einen
nächsten Schritt (erste Zielsetzung und/oder Interventionsplanung). Am
Schluss der Stunde zieht sie für sich ein Résumé (Evaluation). Dieses
Beispiel weist u. a. darauf hin, dass sich in der Realität einzelne
Prozessschritte überlappen können und nicht modellartig verlaufen.
Dennoch ist es wichtig, dass diese Schritte für die Professionellen als solche
erkennbar bleiben. Für die Sozialarbeiterin heißt dies im vorliegenden Fall,
die Situationserfassung abzuschließen, eine kurze Analyse vorzunehmen
und aus der Gesamtbewertung der Situation zu klären, wo
Veränderungsbedarf besteht und mit welchen Zielen sie gemeinsam mit
ihrem Klienten arbeiten kann. Ansonsten wird sie kaum unterscheiden
können, was denn Erzählung, fremde und eigene Einschätzung und
Interpretation ist, welche Ziele abgeleitet werden können und wer in
Zukunft welche Aufgaben zur Zielerreichung wahrnimmt.
Das Prozessmodell sieht vor, dass sich das methodische Handeln entlang
der sieben Prozessschritte strukturiert. Je nach Auftrag, Person und Kontext
kann sich dies situativ (leicht) ändern, indem ein Schritt übersprungen wird
oder gar zwei. Das kann bedeuten, dass z. B. im Kontext der offenen
Jugendarbeit in der Arbeit mit rechtsradikalen Jugendlichen jeder Schritt
des Prozessmodells eingehend und sorgfältig bearbeitet und durchlaufen
wird. Andererseits können z. B. in der Kurzzeitberatung nach einer kurzen
Analyse unmittelbar Ziele formuliert werden, weil der Klientin bereits klar
ist, was sie verändern möchte. Hier kann es nicht darum gehen, eine
Klientin in ihrem Bestreben nach selbstverantworteter eigenständiger
Lebensführung zurückzuhalten, weil das Prozessmodell vorgibt, dass nach
der Analyse eine Diagnose erstellt werden muss, sondern vielmehr mit ihr
realistische und erstrebenwerte Ziele zu entwickeln. Arbeiten mit dem
Prozessmodell heißt, sich aller Prozessschritte bewusst zu sein, diese aber
situativ und individuell einzusetzen oder auszulassen. In diesem Sinn ist das
Prozessmodell als ein idealtypisches anzusehen.
Im Berufsalltag kann ein Sozialarbeiter den Eindruck haben, auf der Stelle
zu treten oder dieselbe ausweglose Situation schon einmal angetroffen zu
haben oder er merkt, dass eine wichtige Information fehlt, es taucht
plötzlich eine wichtige Bezugsperson auf, die man vorher nicht gekannt hat
oder die ganze Situation ändert sich in dramatischer Weise. Das kann
bedeuten, einen oder mehrere Schritte im Prozessmodell zurückzugehen
und z. B. die Situationserfassung zu ergänzen. Damit verändert sich
vielleicht das zu untersuchende Thema, was wiederum Auswirkungen auf
die Diagnose, Zielsetzung und die gesamte Interventionsplanung hat. Es
kann sich auch herausstellen, dass die Diagnose die, wie in Kapitel 10
gezeigt werden wird, immer in Form einer Arbeitshypothese erstellt wird
nicht zutrifft und noch einmal sorgfältig erarbeitet werden soll. In diesem
Fall ist es angezeigt, vom idealtypischen Verlauf abzusehen. Dies führt zu
einer Handlungsmaxime, die uns in der Arbeit mit diesem Prozessmodell
wichtig ist: Das Prozessmodell ist als ein Mittel zu verstehen, das hilft, das
sozialarbeiterische Handeln methodisch zu strukturieren und in
kooperativer Weise mit den Klientinnen und Adressaten bedeutsame Ziele
zu vereinbaren und zu erreichen. Deshalb ist das Prozessmodell flexibel zu
nutzen und in adäquater, reflektierter Weise anzupassen: zu verändern, zu