2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-kinder-und-haeusliche-gewalt/pages/349.md

41 lines
2.9 KiB
Markdown

Erfahrungen einer Spezialberatungsstelle in Stockholm
351
Verteidigungsmechanismen der Kinder gegen die eigenen Ängste eine Verarbeitung behindern.
Für jüngere Kinder ist es in der Regel am leichtesten, mit Spielen und
Zeichnen zu beginnen. Das Kind darf bauen oder zeichnen, was es möchte.
Während des Spielens oder Zeichnens beobachtet die Therapeutin besonders
die Dinge und Themen, die an die traumatischen Erlebnisse des Kindes angeknüpft werden können und die der gedankliche Leitfaden des Kindes in
Bezug auf die Gewalt gegen die Mutter sein können. Ziel ist es, nach und nach
das symbolische Material mit der persönlichen Lebenssituation des Kindes zu
verbinden. Das symbolische Spiel des Kindes muss gedeutet werden, da das
Kind ansonsten Gefahr läuft, in einer ständigen Wiederholung des Traumas
zu verharren. Erinnerungsbilder und Sinneseindrücke des Geschehenen von
Kindern und Jugendlichen sind häufig fragmentarisch. Ziel der traumaspezifischen Therapie ist es, bruchstückhafte Eindrücke zu einem zusammenhängenden Bericht zu verknüpfen. Erzählen bewirkt Heilung. Der Grundgedanke, der Voraussetzung für jede psychologische Therapie ist, bezeugt die
Existenz der heilenden Kraft, Geschehnisse und Gefühle in Worte zu fassen
und mit anderen zu teilen und auf diese Weise einen neuen Weg zu finden,
den traumatisierenden Erlebnissen zu begegnen.
Ältere Kinder und Jugendliche zeigen in der Regel ein starkes Bedürfnis
zu berichten, was sie erlebt, wie sie auf die Gewalt gegen die Mutter reagiert,
was sie gedacht haben und welche Strategien sie angewandt haben. Aber auch
ältere Kinder können Unterbrechungen benötigen, und hier kann die gefühlsmäßige schwere Arbeit durch Zeichnen oder Lehmarbeit erleichtert werden.
Hat ein Kind eine traumatische Erfahrung gemacht, kann der Fall eintreten, dass das Kind Gefühle und Teile des Erlebten vergisst. Das Kind beginnt
zu erzählen und bricht plötzlich ab, da es nicht weiß, wie es weitergeht. Die
Wiedergabe eines Handlungsverlaufes kann Zeichen von Dissoziation, einem
mentalen Ausweichen, aufweisen.
Ein fünfzehnjähriges Mädchen berichtete:
„Als Papa das zerbrochene Glas gegen Mama richtete, war ich wie versteinert. Plötzlich sah
ich, wie ich vor mir stand und auf das Glas in Papas Hand schaute. Ich sah meinen eigenen
Rücken!“
Im weiteren Verlauf des Gesprächs erzählte das Mädchen äußerst bewegt von
ihrer festen Überzeugung, dass ihre Mutter umgebracht, dass sie verbluten
würde.
Kinder jeden Alters zeigen Furcht, Angst, Resignation und Wut. Außerdem
sind sie von den Erwachsenen um sich herum enttäuscht, die so getan haben,
als wüssten oder verstünden sie nichts. Durch das Zuhören und die Fragen
der Therapeutin erfährt das Kind, dass die Therapeutin sich nicht sträubt, der
Scham des Kindes gegenüber dem Erlebten zu begegnen. Die Therapeutin
zeigt Respekt gegenüber dem Kind, das ebenso wie ein Erwachsener seine