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Ein systemisches Verständnis lässt keine einseitigen Schuldzuweisungen gegenüber dem als psychisch krank bezeichneten Menschen oder seiner Familie zu. Systemisches Denken bedeutet auch nicht unbedingt den Verzicht auf ein Krankheitskonzept, sondern nur die Frage, inwieweit seine Verwendung der Veränderung dienlich ist oder sie blockiert. Das kann von Kontext zu Kontext unterschiedlich sein. Entscheidend ist, dass Systemtherapie versucht, auf die Vorstellung zu verzichten, der Experte sei im Besitz einer unanfechtbaren Wahrheit. Ziel ist es vielmehr, in gemeinsamen Aushandlungsprozessen Problembeschreibungen zu entwerfen, die gemeinsam geteilt werden können, die der verbesserten Kooperation der Beteiligten dienen und den Blick auf die Ressourcen zur Veränderung richten. Damit soll nicht bestritten werden, dass auch im Feld der Systemtherapie das Risiko einseitiger Vereinfachungen besteht, an deren Ende unverantwortbare Schuldzuweisungen und Belehrungen gegenüber den Familien erfolgen. Die beschriebenen Grundannahmen machen dagegen eine Haltung der Beraterin erforderlich, die von einer angemessenen Bescheidenheit gekennzeichnet ist und von dem Respekt gegenüber der Sinnhaftigkeit der Welt des als psychisch krank bezeichneten Menschen und seines sozialen Umfelds. Die Übernahme der Perspektive des Gegenübers, das Sicheinfühlen in die Welt des anderen – sowohl der Auftraggeberinnen als auch ihrer Angehörigen und anderer Bezugspersonen – soll die Chance eröffnen, Kommunikation dort wieder entstehen zu lassen, wo zuvor Sprachlosigkeit und Verwirrung herrschte. Die systemische Therapie hat ein breites Spektrum pragmatischer methodischer Ansätze entwickelt, die sich in verschiedenen Feldern der Therapie, der Supervision und der Organisationsberatung bewährt haben. Die ihnen zugrunde liegenden Handlungsrichtlinien (Hypothetisieren, Zirkularität, Allparteilichkeit/Neutralität, Kontextualisierung, Ressourcen-, Auftrags- und Lösungsorientierung) wurden im sechsten Kapitel dargestellt.