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Familientabus und -geheimnisse werden erforderlich, wenn die
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betreffenden Themen mit extremen Schamgefühlen verknüpft sind.
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Erhielten die Tabus und Geheimnisse einen Platz im öffentlichen
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Sprachraum, würde man wegen eigener Verfehlungen oder einer
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Identifikation mit der Täterin an den Pranger gestellt. Soziale
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Stigmatisierung und Ausgrenzung wäre die Folge, was für die meisten
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Menschen eine traumatische Erfahrung ist und deshalb vermieden
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wird.
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Schuldgefühle entstehen, wenn das Gebot der Tabubewahrung
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und Verbot der Geheimniserforschung gebrochen wird. Durch meine
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Schuldgefühle weise ich mir die Ursache für eine Verfehlung zu. In
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den meisten Fällen kann man dafür die Verantwortung übernehmen,
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weil es sozial geregelte Möglichkeiten der Kompensation, Korrektur,
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Entschuldung und Entschuldigung gibt. Im Falle des Bruchs schwer
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wiegender Tabus bzw. der Aufdeckung von Geheimnissen werden ihre
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Hüterinnen eine Wiedergutmachung und Entschuldigung verweigern,
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weil sie diesen Bruch bzw. diese Aufdeckung als Verrat definieren.
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Deshalb kann das Schuldgefühl nicht in die Schuld für eine konkrete
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Verfehlung verwandelt werden, die beglichen werden kann; es bleibt
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erhalten und sein Inhalt unabgeschlossen, weil die Entschuldung und
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Wiedergutmachung verweigert wird. Von dieser Dynamik der Schamund Schuldgefühle leben Tabu und Geheimnis gleichermaßen.16
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Freud hatte die Scham- und Schuldgefühle mit den Funktionen
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des Über-Ichs verbunden (Freud 1969c). Das Über-Ich besteht
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einerseits aus einem Set gesellschaftlicher Normen, Werte, Regeln,
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Gebote, Verbote und Rollenvorschriften, die im Laufe der Sozialisation
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internalisiert, d. h. zu individuell je eigenen werden. Zugleich ist es
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mit den Bildern der Eltern verbunden. Diese gestalten als wichtige
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Bezugspersonen den ersten sozialen Nahraum des Kindes und
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verwandeln in diesem die soziokulturellen Standards in
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Familienstandards, die dem Kind gegenüber vertreten werden.
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Schuld- und Schamgefühle entstehen also durch die interpersonelle
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Verletzung gesellschaftlicher Normen und die intrapsychische
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Aktivierung der in den inneren Bildern rekonstruierten wichtigen
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