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4.3.2 Delegation und Aufträge Dieses Konzept wurde von Stierlin in die Familientherapie eingeführt (siehe Stierlin 1975a, 1982). Die Frage lautet hier: „Wer tut aus Loyalität was – für/gegen wen – in welchem Auftrag und im Rahmen welcher Kollusionen?“ Schon vor der Geburt gelten dem Kind elterliche „Erwartungsphantasien“ (Richter 1969). Sie drücken Wünsche, Ängste, Hoffnungen, Freude usw. aus. Schon an diesem Punkt des Lebens erhält das Kind Aufgaben, die im Lauf der Zeit prägnanter und – in einer gelingenden bezogenen Individuation – auch selbstbestimmter werden. So entsteht eine Delegationsbeziehung zwischen Eltern(teil) und Kind. Es wird von ihnen mit Aufträgen, z. B. die musikalischen Fähigkeiten der Eltern zu erreichen oder zu übertreffen, „ins Leben hinausgeschickt“. Stierlin verweist hier auf den Wortsinn des lat. delegare, „das erstens aussenden und zweitens mit einer Mission betrauen bedeutet“ (Stierlin 1982, S. 24). Nimmt das Kind einen solchen Auftrag an, wird es murrend, bereitwillig, interessiert oder gar freudig am Klavier üben, Unterricht nehmen, sich mit Freundinnen in einer Musikgruppe zusammenfinden usw. Nimmt es den Auftrag nicht an, wird es zu Konflikten kommen, wenn die Eltern auf ihrer Delegation beharren. Es ist ein Vorteil der individualisierenden Gesellschaft, dass es möglich ist, Delegationen der Eltern bzw. früherer Generationen zur Disposition zu stellen. Zu einer kinderfreundlichen Familie unserer Kultur gehört die Regel, dass über Delegationen verhandelt werden kann und sie ohne die Folge des Bruchs zwischen Eltern und Kindern abgelehnt oder verändert werden dürfen. Delegation hat in der heutigen Kultur einen konsensuellen Aspekt. Bei seinen „Erkundungsfahrten ins Leben hinaus“ bleibt das Kind durch Loyalitätsbindungen (Treueverpflichtungen) und Delegationen mit den Eltern verbunden. Delegationen gehören zu jeder gelungenen Sozialisation und bezogenen Individuation, denn sie sichern die existenzielle Verbindung zwischen Eltern und Kindern, ermöglichen Kindern und Eltern das Gefühl von Sinnhaftigkeit,