2026-001/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/022.md

35 lines
2.2 KiB
Markdown

Sozialhilfegrenze. Der Vater versucht, durch englisch-deutsche
Übersetzungen zusätzlich Geld zu verdienen. Hilfreich wäre dafür ein
besserer Computer, den er sich aber nicht leisten kann. Die Mutter
hat sich vor ca. zehn Jahren von ihrem Mann getrennt, lebt heute
mit einer neuen Familie in einer 400 km entfernten Großstadt und
hat nur sporadische Kontakte zu ihrem Sohn aus der ersten Ehe. Auf
Unterhaltszahlungen hat der Mann wegen massiver Konflikte mit
seiner Ex-Frau verzichtet. Manuel, der von seinem Vater als sehr
intelligent und intellektuell interessiert beschrieben wird, verweigert
seit fast einem Jahr den Schulbesuch und hat auch sonst kaum
soziale Kontakte. Er liest viel, auch anspruchsvolle Literatur, und
verbringt viel Zeit mit seinem Computer. Auch er wünscht sich einen
leistungsfähigeren Rechner. Sein Berufswunsch ist es, als Erfinder
von Computerspielen Geld zu verdienen und gleichzeitig Spaß zu
haben. Dafür, so meint er, brauche er keine formale Schulausbildung.
Die Schule mag er auch deshalb nicht besuchen, weil er das Opfer
von Hänseleien und Gewalttätigkeiten der Mitschüler war. (Manuels
Mutter stammt aus Südostasien, und er eignet sich allein schon
wegen seines Aussehens als Zielscheibe für Gewalt und Ausgrenzung
durch die Mitschüler.) Er geht nur selten aus dem Haus. Die Schule
hat bisher noch keine Zwangsmittel angewendet, sondern suchte in
Zusammenarbeit mit dem Vater nach einer Lösung ohne Zeitdruck
und juristische Pression. Der Vater selbst hält ständig nach
Möglichkeiten für einen geeigneten und offiziell anerkannten
Lernkontext für Manuel Ausschau. Aber Manuel hat alle bisherigen
Angebote ausgeschlagen. Die neuste Idee heißt Hausunterricht; dem
würde er sich nicht widersetzen. Manuel wurde in der Kinder- und
Jugendpsychiatrie vorgestellt. Diese schlug eine längerfristige
stationäre Therapie vor, weil sie die Diagnose „Schulphobie“, „soziale
Ängste“, „neurotische Depression“ in den Kontext einer intensiven
Symbiose zwischen Vater und Sohn stellte, die durch den stationären
Aufenthalt gelockert werden sollte. Der Sohn verweigerte sich auch
dieser Therapieperspektive, der Vater zeigte sich ebenfalls
abwehrend. Im Grunde hatten sich beide im „trauten Unglück zu