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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 256 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19

Albrecht Reiner, Dorothea Scholz, Susanne Joos und Wolf Ritscher

schiedenheiten und Konflikte auf konstruktivere Weise zu lösen oder sie gar ganz zu vermeiden. Im Gegenteil, die Situation spitzte sich zu, und die Konflikte zwischen der Mutter und Karin eskalierten bis zu ihrem Rauswurf (Karins Version) bzw. Karins Weggang (Version der Mutter). Karin zog zum Vater. Die Auseinandersetzungen, die dazu geführt hatten, drehten sich um die Themen »Anerkennung« und »Individuation«: Karin wollte z. B. Weihnachten unbedingt alleine feiern und nicht mit Mutter, Oma und Geschwistern. Dies empfand die Mutter als Affront gegen ihre Person und zugleich als Brüskierung ihrer Mutterrolle vor der Oma. Im Auszug Karins wiederholte sich das Muster, das sich bereits bei den Loslösungsversuchen von Tatjana und Matthias gezeigt hatte. Die Forderung der Kinder nach mehr Eigenständigkeit interpretierte die Mutter als Abwertung und Bedrohung. Ihre Antwort lautete: Entweder du gehörst ganz zur Familie (und zu mir) oder gar nicht! Eine Distanzierung war in dieser Situation nur durch Karins massive Beleidigung der Mutter möglich gewesen. Danach konnte die Mutter ihre Tochter ohne Gesichtverlust ziehen lassen: »Das kann ich mir nicht bieten lassen; deshalb muss sie gehen!« Im Laufe des weiteren Therapieprozesses gelang es Mutter und Tochter aber, das bisherige Muster (Loslösung = Beziehungsabbruch) zu durchbrechen. Obwohl Karin weiterhin beim Vater wohnte, gelang den beiden eine neue Form der Nähe-Distanz-Regulation: Solange sie die Familienbeziehungen nicht thematisieren, waren sie in der Lage, über alltägliche Dinge in für sie guter Weise zu kommunizieren. Kurze Zeit nach Karins Auszug brachen Konflikte zwischen Mutter und Michael aus. Die bislang »gute Beziehung« zwischen den beiden kippte. Michael drohte der Mutter mehrfach, sie umzubringen. Frau Ernst konnte dazu kaum Distanz aufbauen und ließ sich provozieren. Wir verstanden Michaels Verhalten der Mutter gegenüber als Ausdruck seines Wunsches, sich von ihr zu lösen und trotzdem in Verbindung mit ihr zu bleiben. Zugleich deuteten wir es auch als Appell an die Eltern, sich miteinander zu verständigen, damit alle Kinder mit beiden Elternteilen einen guten Kontakt haben könnten, ohne den jeweils anderen zu verletzen. Die massive Form, die Michael nun wählte, zeigte seine Hilflosigkeit und entsprach zugleich der Wirklichkeitskonstruktion mehrerer Familienmitglieder, dass nämlich die Mutter die Hauptschuld an der Misere trägt und mit ihrem »Verschwinden« die Probleme der Familie beseitigt wären. 256