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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 121 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19

  1. Die Mehrgenerationenperspektive zu Beginn des Hilfeprozesses

sogar einfordert), auf der kognitiven durch die von allen geteilte Leitidee, Sarahs schlechte Schulleistungen seien das Ergebnis des Mobbings durch Lehrer und Mitschülerinnen, auf der Loyalitätsebene, indem Frau Schmitt deutlich zeigt, wie wichtig ihr die permanente Einheit mit Sarah ist. Ein Motiv dafür kann aufseiten der Eltern in dem Bedürfnis liegen, dem Kind all die Liebe und Fürsorge zu geben, welche sie selbst als Kind vermisst haben. Das vermuten wir auch für die Beziehung zwischen Sarah und Mutter. Sarah bedankt sich für dieses »Geben« der Mutter durch die ständige Rückkehr in die Mutter-Tochter-Dyade, welche mit der Ablehnung des Vaters einhergeht. Vielleicht hilft Sarah der Mutter auch, den noch nicht bewältigten Verlust der eigenen Mutter auszuhalten. Wäre dies so, benötigte Frau S. ein Angebot zur »Trauerarbeit« (s. Stierlin 1980). Auf der Ebene der Herkunftsfamilie von Frau S. war die Situation durch die Erkrankung der Mutter und ihrer daraus resultierenden Bedürftigkeit bestimmt. Eine Rollenumkehr ist deutlich erkennbar: Ab ihrem siebten Lebensjahr versorgte Frau S. zumindest teilweise Mutter und Haushalt und übernahm damit die Aufgabe der »Fürsorge«, die sie damals selbst gebraucht hätte. Nach den Erzählungen von Frau Schmitt füllte auch keine andere Bezugsperson diese »Lücke« aus. Ihre Kindheit war vom Verzicht auf die Erfüllung eigener Bedürfnisse, der Sorge um die Mutter und wiederkehrenden Heimaufenthalten geprägt. Als Frau Schmitt 16 Jahre alt war, verstarb ihre Mutter. Man kann vermuten, dass die Bewältigung dieses Verlustes bis heute nicht gelungen ist. In der Beziehung zwischen Frau Schmitt und Sarah wiederholt sich dieselbe Struktur mit umgekehrten Rollen: Nun ist es die Mutter, die ihre kranke Tochter umsorgt. Aber indem Sarah diese Sorge annimmt, sorgt sie zugleich für die Mutter, die dadurch Lebenssinn und die Unterstützung im Konflikt mit dem Vater gewinnt. Diese Sorge ist aber auch eine wichtige Ressource für die Veränderung, denn in ihr liegt eine hohe soziale Kompetenz: sich des anderen anzunehmen und sein Wohlergehen im Blick zu haben. Wenn es gelänge, die Sorge der Mutter für ihre Mutter und ihre Tochter sowie der Tochter für ihre Mutter zu würdigen, könnten beide endlich die soziale Anerkennung erfahren, die sie so bitter nötig haben und nach der sie sich sehnen. Diese Würdigung könnte auch das Angebot an die Mutter beinhalten, ihre zwischenmenschliche Kompetenz der Sorge und des Versorgens noch anderen Menschen als nur der Tochter zu121