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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 99 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
4. Der Erstkontakt mit Klienten und Klientinnen im Rahmen der öffentlichen Jugendhilfe
Hierzu erfinde ich gerne die Metapher von einem Cromagnonmenschen, der vor 20 000 Jahren im Tal der Dordogne auf der Jagd
von seiner Gruppe abgekommen war und schließlich von einem Riesenhirsch schwer verletzt wurde. Mit aufgerissener Seite liegt er im
hohen Steppengras und stöhnt. Was (außer Schmerz) mag er empfinden? Ich denke: Er hat Hoffnung und Angst. Hoffnung, gehört
und gefunden zu werden und Balsam auf seine Wunden zu bekommen. Angst, nicht gehört und gefunden zu werden. Aber auch Angst
davor, von jemandem gefunden zu werden, der seine Schwäche ausnutzt, ihn seiner Waffen und Kleidung beraubt und vielleicht noch
tötet.
So etwa, denke ich, geht es Familien, die über die Symptomsprache der Kinder auf sich und ihre Not aufmerksam machen. Sie haben
Angst, übersehen zu werden. Sie haben auch und vielleicht vor allem
Angst, in ihrer Not noch eins draufzubekommen. Aber sie haben auch
(zumindest unterschwellig und noch unbewusst) Hoffnung auf Hilfe
und Entlastung. Die Angst und das Misstrauen zu berücksichtigen,
sich aber mit der Hoffnung zu verbinden scheint mit eine wesentliche
Aufgabe bei der Aufnahme eines ersten Kontakts mit derartigen Familien zu sein.
Der für das Jugendamt spezifische Erstkontakt zu Familien über
eine Fremdmeldung ist zugleich, entsprechend verstanden, die Weichenstellung zur Hilfe. Dazu gehört für mich das Bewusstsein, dass
der sicherlich oft vorhandene und auch angemessen erscheinende
spontane Impuls, Kinder gegen ihre Eltern in Schutz zu nehmen, eine
nicht förderliche Weichenstellung wäre. Diesem Impuls zu folgen
würde die Gefahr in sich haben, dem Kindeswohl nicht zu dienen.
Nach meiner Überzeugung wollen Kinder ihre Eltern nicht als schlecht
dargestellt erleben, sie wollen nur, dass sich ihre Eltern ihnen gegenüber und auch untereinander anders verhalten. Sie wollen, dass ihren
Eltern auf dem Weg dorthin geholfen wird und dass ihre Eltern auch
Hilfe hierzu annehmen. Kinder erleben sich ohnehin als ursächlich
und schuldig dafür, was mit ihnen geschieht. Darin sehe ich die tiefe
Tragik der kindlichen Verarbeitungsmöglichkeiten hinsichtlich des familiären Geschehens. Wenn nun ihre Eltern bestraft oder als schlecht
angesehen werden, verdoppelt sich das Schulderleben der Kinder. Kinder sind und bleiben ihren Eltern loyal verbunden, und häufig geben
sie keiner Hilfe auf Dauer eine Chance, wenn die Hilfe nicht den Zuspruch der Eltern hat.
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