2026-001/documents/systemische-kinder-und-jugendhilfe/pages/098.md

41 lines
2.7 KiB
Markdown

WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 98 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
Friedhelm Kron-Klees
in ihrer Not häufig mit Schläge drohe. Nicole sei von Natur aus sehr
ängstlich und reagiere auch bei ihr dann manchmal so, wie es im Kindergarten erlebt wurde. Was der Mutter allerdings sichtbar peinlich war,
war die Aussage, Nicole stinke oft nach Katzenurin. Sie beteuert, dass
ihr die vielen Katzen selber nicht recht seien, aber das habe sich so ergeben, und sie könne keine Tiere abgeben. Das komme ihr wie Verrat
vor. Mit den Hunden sei das kein Problem, die hätten nach hinten ihren
Auslauf. Über die Tiere schwenkt das Thema schnell auf die familiäre
Situation. Ihr Mann sei Fernfahrer und oft lange unterwegs. Wenn er
dann zurückkomme, sei er kaum zu Hause. Er helfe Freunden oder Verwandten, Autos zu reparieren, oder bei Arbeiten an ihren Häusern und
Wohnungen. Ja, von ihrem Mann habe sie bisher wenig Unterstützung
bekommen. Aber sie sei stolz auf ihn. Er sei zuverlässig, verdiene gutes
Geld, trinke nicht und sei allgemein beliebt. Sie wünschte sich schon
immer, dass er etwas öfter bei ihr zu Hause wäre, zumal sie wieder
schwanger sei. Als sie ihm den Brief vom Jugendamt gezeigt habe, sei
ihr Mann erschrocken und habe ihr zugesichert, sich in Zukunft mehr
um sie, um Nicole und das bald kommende Baby zu bemühen. Er werde
sich darum kümmern, dass die Kater kastriert würden und einige der
jungen Katzen an Freunde weitergegeben würden. Auch werde er den
Flur in den nächsten Tagen entrümpeln. Diese Sachen habe er dort nur
kurzfristig abgestellt. Die Mutter zeigt der Sozialarbeiterin von sich aus
das Wohnzimmer und im oberen Stock das Zimmer von Nicole, die beide einen gepflegten Eindruck hinterlassen. Während des Gespräches
sitzt Nicole entweder auf dem Schoß der Mutter, oder sie spielt friedlich
mit einer der Katzen.
Insgesamt kann sich die Mutter nicht vorstellen, konkrete Hilfe bei
der Erziehung ihrer Tochter und bei der Bewältigung des Haushaltes zu
benötigen. Das Angebot der Sozialarbeiterin, im Abstand von zwei oder
drei Wochen wieder Kontakt mit ihr aufzunehmen, nimmt die Mutter
augenscheinlich gerne an. Es sei gut, jemanden zu haben, mit dem man
über all die Dinge reden kann.
Nach dem Termin bespricht die Sozialarbeiterin diese Begegnung
im Rahmen der kollegialen Beratung. Man kommt überein, dass zumindest vorerst eine lose Betreuung der Mutter durch die Sozialarbeiterin eine ausreichende Hilfe sein könne.
Für den Umgang mit Familien, auf die von außen aufmerksam gemacht wurde, halte ich folgende Überlegung für sehr hilfreich: Ich
gehe grundsätzlich davon aus, dass alles, was wahrgenommen wird,
auch gezeigt werden soll. Demnach zeigen Kinder Symptome quasi
als Botschaft einer Familie in Not.
98