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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 96 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
Friedhelm Kron-Klees
hat, dass die Mitarbeiter der Jugendhilfe eine Familie unmittelbar und
auch unangemeldet aufsuchen sollten. Da empfehle ich einen Erstkontakt in brieflicher Form, wobei sich die Frage stellt, wie ich einen Brief
verfassen kann, der die Chance begünstigt, dass von den Betroffenen
der Hilfe die Tür geöffnet wird (s. Kron-Klees 1994, S. 54 ff.). Dafür hat
sich eine Gestaltung vielfach als hilfreich erwiesen, die von dem Begriff der Sorge um das Wohl der Kinder und mit ihm verbunden um
das Wohl der gesamten Familie durchzogen ist. Die Helfer und Helferinnen verbinden sich mit der Sorge der meldenden Personen und
sprechen über ihr Sorgerecht die Eltern auf ihre Sorge um das Wohl
ihrer Kinder an. Dazu gehört, dass den Eltern knapp und genau das
mitgeteilt wird, was über die Situation und das Verhalten der Kinder
berichtet wurde und somit zum Anlass zu dieser Kontaktaufnahme
wurde.
Besonders wichtig erscheint mir folgende Erfahrung: Familien,
auf die über eine Fremdmeldung aufmerksam gemacht wurde, befinden sich in Not, leiden unter einem besonderen Druck. Das Hinzukommen der Jugendhilfe bedeutet für die Betroffenen in der Regel
eine Steigerung von Not und Druck (Kron-Klees 2001, S. 38 f.). Dies
gilt sowohl für ein Anschreiben und erst recht für einen unangemeldeten Hausbesuch. Um dieses Erleben etwas abzufedern, empfehle
ich, die Kontaktaufnahme selber zum ersten Thema zu machen, bevor
man auf die konkreten Anlässe zu sprechen kommt.
Ein zweites Beispiel
Eine Sozialarbeiterin des Jugendamtes wird von einer Erzieherin des
Kindergartens ihres Bezirkes auf ein Mädchen namens Nicole angesprochen, das mit drei Jahren erst vor kurzen in den Kindergarten aufgenommen worden war. Die Erzieherin erlebt das Kind als extrem eingeschüchtert. Wenn eine Erzieherin, aus welchen Grund auch immer,
eine Hand hebe, zucke das Mädchen manchmal zusammen und halte
seine Arme wie schützend über den Kopf. Dieses Verhalten lege den Erzieherinnen den Verdacht nahe, dass das Mädchen häufig geschlagen
werde. Irgendwelche Male wie blaue Flecken habe man allerdings an
dem Kind nicht wahrnehmen können. Außerdem rieche das Mädchen
oft unangenehm. Es werde deshalb von den anderen Kindern gemieden
oder auch gehänselt. Dieser Geruch scheine von Katzenurin zu kommen. Das Kind selbst sei sauber. Ernährungsmäßig sei es gut versorgt.
Die Mutter des Kindes werde ebenfalls als schüchtern und sich schnell
zurückziehend erlebt. Es habe zudem den Anschein, dass sie wieder ein
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