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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 37 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
1. Systemische Kinder- und Jugendhilfe Eine Skizze
genden innerfamiliären Krisen nicht mit Hilfe der bisherigen Beziehungsmuster und Lösungsversuche bewältigen.
Dazu einige Erklärungshypothesen und Handlungsvorschläge:
• Die von Ariès beschriebene und kritisierte Funktion der bürgerlichen
Familie hat Vorteile, denn die emotionale Intimität der Familie ermöglicht sichere Bindungen zwischen Kindern und ihren Eltern (siehe Spangler u. Zimmermann 1999). Sie sind ein wesentlicher Prädikator für eine gelungene Sozialisation und die Beziehungsfähigkeit
der Kinder im Erwachsenenalter. Andererseits können durch diese
Intimität auch Probleme entstehen: Das Bindungsmuster kann zu
wenig Raum für die »bezogene Individuation« (Stierlin 1994) von Eltern und Kindern bieten; Kinder werden in die Beziehungskonflikte
der Eltern einbezogen und trianguliert; Eltern vergessen, ihre Paarbeziehung zu pflegen, um gute Eltern zu sein; sie beziehen ihre emotionale Befriedigung, Selbstwert und Lebenssinn überwiegend aus
der Beziehung zu den Kindern; Kinder können sich aus Loyalität nicht
gegen eine unangemessene »Delegation« (Stierlin 1982) durch die Eltern und Eltern sich wegen ihrer Schuldgefühle nicht gegen unangemessene Ansprüche ihrer Kinder wehren. Soziale Arbeit hat bei solchen Problemen die Aufgabe, als Distanzierung ermöglichende dritte
Kraft in das Familienspiel einzutreten ohne darin unterzugehen.
• Die Sozialisationsfunktion der bürgerlichen Familie ist mit hohen gesellschaftlichen Ansprüchen an die Erziehungs- und Beziehungskompetenz der Eltern verbunden. Sie werden von den Eltern meistens
übernommen und in eigene Ansprüche an sich selbst verwandelt.
Fehler und Misserfolge werden dann als individuell verursachtes Versagen erlebt mit den entsprechenden Schuld- und Schamgefühlen.
Die Sicht auf das Makrosystem bleibt verstellt. Diese einzuführen ist
eine wichtige Aufgabe der Beratung in der Sozialen Arbeit.
• Wo Intimität herrscht, blühen Schuldgefühle; diese sind in der ElternKind-Beziehung meistens hinderlich, handelt es sich doch üblicherweise nicht um schwer wiegende reale Verfehlungen, sondern ein
Versagen vor dem Thron der zu hohen Ansprüche an das eigene
Selbst. Diejenigen, die wirklich Schuldgefühle wegen grober Verletzung der Integrität der sozialen anderen zeigen müssten, sind in den
meisten Fällen psychisch kaum erreichbar. Schuldgefühle durch systemische Methoden wie Reframing, positive Konnotation, Unterschiedsfragen usw. (s. hierzu Ritscher 2002a) und die Fokussierung
auf die eigenen Leistungen hinsichtlich der Erziehung in ein Gefühl
der Kompetenz zu verwandeln ist ein wichtiges Ziel von Beratungsbzw. Therapieprozessen in der Sozialen Arbeit (zur Begriffsklärung
hinsichtlich »Therapie«, »Beratung«, »Sozialpädagogik« s. Ritscher
2002a).
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