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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 36 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19

Wolf Ritscher

Eltern gewählten Lebensform. In diesem Sinne erhält Familie eine neue Definition: Überall dort, wo biologische und/oder soziale Eltern mit Kindern langfristig zusammenleben und Verantwortung für ihre Sozialisation übernehmen bzw. ihnen diese Verantwortung gesellschaftlich abverlangt wird, wird Familie als System und Lebensform hergestellt. 5.4 Kontextbedingungen für Kindheit, Jugend und Familie »Die meisten Klienten [des ASD, W. R.] kommen aus sozial schlechter gestellten Bevölkerungsgruppen« (Textor 1994a, S. 7). Hier wird auf die »klassischen Nutzerinnen« der Jugendhilfe verwiesen, die andernorts als »Multiproblemfamilien« (hierzu Herwig-Lempp 2001) oder »mehrfach belastete Familien« (Wnuk-Gette u. Wnuk 2002) bezeichnet werden. Sie befinden sich u. a. wegen Armut, Arbeitslosigkeit, Bildungsbenachteiligungen, Sprachproblemen (z. B. Migrantinnenfamilien), chronischen Krankheiten, Behinderungen in einer langjährigen Krise. Die damit zusammenhängenden innerfamiliären Spannungen und die Marginalisierung im gesellschaftlichen Umfeld können sie aus eigenen Kräften nicht auffangen. Inzwischen gibt es aber eine wachsende Zahl von Jugendhilfeadressatinnen, die nicht in gesellschaftlichen Problemgruppen, sondern in der gesellschaftlichen »Mittelzone« zu verorten sind.11 Diese Familien geraten außer durch unvorhergesehen Life Events (z. B. Arbeitslosigkeit trotz qualifizierter Bildung und Ausbildung, Scheidung, Tod eines Familienmitglieds) vor allem durch die sich rasant verändernden Rahmenbedingungen für die Sozialisation der Kinder und die langfristige Paar- bzw. Familienbindung unter Druck. Auch sie können die damit zusammenhän11 Die Klassen- und Schichtmodelle haben sich als zu wenig differenziert für die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse herausgestellt. Deshalb werden heute in der Soziologe erweiterte Modelle unter den Begriffen »dynamisch pluralisierte Schichtstruktur« (Geißler), »soziale Lage« (Hradil), »Milieu« (Sinus-Institut), »Lebensstil und sozialer Raum« (Bourdieu) diskutiert (s. Diezinger u. Mayr-Kleffel 1999). Ich beziehe mich hier auf das Konzept »Soziale Lage«: »Strukturtypisch ist das Gegenüber einer Mittelzone, die die große Bevölkerungsmehrheit umfasst, relativ gut gestellte, in sich jedoch sehr differenzierte Lebenslagen (mit Vor- und Nachteilen) umfasst und von Problemgruppen, deren Lebensbedingungen jedoch ebenfalls unterschiedliche Anhäufungen und Kombinationen von Nachteilen aufweisen. Der Strukturbruch erfolgt entlang der Zugehörigkeit zum Kernbereich der Arbeitsgesellschaft, dem Erwerbsbereich. Lebensbedingungen all jener Gruppen, die nicht mehr, noch nicht oder nicht dauerhaft im Erwerbsleben integriert sind, werden sehr viel stärker durch wohlfahrtsstaatliche Regelungen und durch Einflüsse aus sozialen Handlungsbezügen (Integration, Partizipation, Diskriminierung) geprägt« (Diezinger u. Mayr-Kleffel 1999, S. 70).

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