2026-001/documents/systemische-kinder-und-jugendhilfe/pages/031.md

2.6 KiB
Raw Blame History

WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 31 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19

  1. Systemische Kinder- und Jugendhilfe Eine Skizze

• 6. Phase »Unterstützung« oder Beziehung statt Erziehung: Idealbild ist eine emotional vertrauensvolle Eltern-Kind-Beziehung, in der die Eltern keine Gewalt ausüben und die Kinder psychische Unterstützung für den Eintritt in das Jugend- und Erwachsenenalter finden.

Neil Postman konstatierte in seiner Streitschrift Das Verschwinden der Kindheit (1982) einen Trend der Destruktion von Kindheit als einer im bürgerlichen Zeitalter entstandenen eigenständigen Phase. Die Vorherrschaft der visuellen Medien (Film, Fernsehen, Computer) in der Enkulturation führe zu einem Verlust der »Literalität«, also der Kompetenz, Texte zu verstehen und selber zu verfassen.7 Literalität ist Postman zufolge spätestens seit der Einführung der öffentlichen Schule das Unterscheidungskriterium für den Status von Kindheit und Erwachsensein. Sie erfordert eine viel komplexere Kompetenz als der Umgang mit visuellen Medien. Deren leichtere Verstehbarkeit ermuntere die Kinder, sich ihnen zu- und sich von der Schriftsprache abzuwenden. Da aber abstraktes im Sinne von Piaget formales Denken vor allem über die Schriftsprache und die Beschäftigung mit der Welt der Zahlensymbole gelernt wird und es zugleich die Aneignung komplexer Wert- und Normensysteme fördert,8 sieht Postman eine Destrukturierung und Entwertung der Kindheit als Phase der Individuation bis hin zu ihrer Auflösung. Denn komplementär dazu finden sich Kinder und Erwachsene in dieser Bevorzugung der visuellen Medien zusammen, und es etabliert sich unterstützt von den Werbekampagnen der Konsumgüterindustrie eine neue, jugendorientierte Einheitskultur. Diese, so Postman, zeigt sich in den jugendorientierten Modetrends für die Erwachsenen, deren Selbstund Fremdwert steigt, wenn sie sich als jung gebliebene Erwachsene präsentieren können. In allen drei Theorien der Kindheit lässt sich die von Horkheimer und Adorno analysierte Dialektik der Aufklärung (1971) wieder finden: Jeder humane Fortschritt birgt in sich einen Keim der Destruktion, Entsubjektivierung und Entfremdung. Die von Ariès beschriebene Einführung der Schule und die Intimisierung des Familienlebens hat viel zu der von de Mause beschriebenen Unterstützungsbeziehung zwischen Eltern und Kindern beigetragen, aber sie hat auch den Hand7 Die Ergebnisse der PISA-Studie weisen in diese von Postman angegebene Richtung. 8 Siehe die Arbeiten von Piaget und Kohlberg über die Entwicklung des moralischen Urteils.

31