2026-001/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/330.md

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3. In den wohlhabenden Gesellschaften der Gegenwart
sind über den gesamten Lebenslauf hinweg die
Möglichkeiten größer geworden, eigene Vorstellungen
bezüglich der Lebensführung umzusetzen, die nicht den
traditionellen Mustern entsprechen. Als siebzehnjährige
Gymnasiastin kann man heute zur
Unternehmensgründerin werden, als
fünfundsiebzigjährige Pensionärin noch in einem
Betrieb mitarbeiten. Für die private Lebensgestaltung,
etwa die Partnerschaftsbeziehung, gelten praktisch
keine Einschränkungen mehr. Durch diese Entwicklung
ist der 1950 noch als natürlich geltende traditionelle
Rhythmus der geschlechtsspezifischen Gestaltung des
Lebenslaufs außer Kraft gesetzt worden.
Gibt es heute eine flexible Struktur des Lebenslaufs?
Die einzelnen Lebensphasen folgen heute nicht mehr klar
abgegrenzt und sequenziell aufeinander, sondern sie
können sich überschneiden und ineinanderschieben. Auch
die feste Abfolge von schulischer und beruflicher
Ausbildung und anschließender Erwerbstätigkeit ist nicht
mehr garantiert. Für einige junge Leute ergibt sich bereits
in der Schul- und Studienzeit die Möglichkeit, berufstätig
zu sein und ein Erwachsenenleben nach traditionellem
Muster zu führen. Für andere hingegen kann es durch
langanhaltende Arbeitslosigkeit und befristete
Arbeitsverträge sogar noch im Erwachsenenalter
Unsicherheiten und Unwägbarkeiten der Lebensführung
geben, die das Eingehen einer festen Partnerschaft und die
Gründung einer Familie als unsicher und angstbesetzt
erscheinen lassen. Weil damit die Spielräume für eine
individuelle Gestaltung des Lebenslaufs immer größer
geworden sind, wurden auch die Übergänge zwischen den
Lebensphasen Kindheit, Jugend, Erwachsenen- und
Seniorenalter fließender (Böhnisch/Lenz/Schröer 2009).