2026-001/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/324.md

37 lines
1.8 KiB
Markdown

Im internationalen Vergleich fällt zudem auf, dass in
Deutschland die Ausgaben für das Bildungssystem
ungewöhnlich niedrig und die für das soziale
Sicherungssystem ungewöhnlich hoch sind
(Hurrelmann/Quenzel/Rathmann 2011). Auf mittlere Sicht
können sich aus diesem Ungleichgewicht der
Ressourcenverteilung politische Konflikte zwischen der
jüngeren, der mittleren und der älteren Generation
ergeben. Die jüngere Generation wird spätestens dann
empfindlich auf ihre strukturelle Benachteiligung
reagieren, wenn es zu wirtschaftlichen Krisen kommt, die
ihr einen Eintritt in den Arbeitsmarkt und damit einen
Zugang zu den sozialen Sicherungsleistungen unmöglich
machen. Sobald sich Jugendliche ihrer
Zukunftsperspektiven ungewiss sind, kommt es schon
heute zu politischen Protesten und zu einer spürbaren
Distanz gegenüber demokratischen Institutionen wie
Parteien und Parlamenten. Bei den sozial benachteiligten
Gruppen sind diese Einstellungen bereits seit vielen Jahren
zu beobachten (besonders aufschlussreich hierzu die 19.
Shell Jugendstudie, vgl. Hurrelmann et al. 2019).
Eine ausgewogene Wohlfahrtspolitik mit einer gleichen
Gewichtung der Ausgaben für das Bildungs- und das soziale
Sicherungssystem zahlt sich auch aus
sozialisationstheoretischer Sicht aus. Es ist für ein
gesellschaftliches Gemeinwesen von Vorteil, wenn sich
Elemente der Sicherung und Kontinuität mit solchen der
Innovation und des Wandels der Lebensführung der
Gesellschaftsmitglieder mischen. Eine Bevorzugung der
Bevölkerungsgruppen, die bereits einen sozialen Status
erworben haben, kann zur Stagnation der weiteren sozialen
und wirtschaftlichen Entwicklung führen. Es ist in der
Regel die jüngere Generation, die gesellschaftliche
Entscheidungen stimuliert und vorantreibt, mit denen alte
Strukturen aufgebrochen werden, die angesichts der
veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen