2026-001/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/290.md

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Gesellschaft keinen sozialen und psychischen Schonraum,
der ausschließlich ihrer Erziehung und Bildung diente. Sie
lebten vielmehr schon nach wenigen Jahren ähnlich wie die
Erwachsenen im meist familiären Bereich (oder Betrieb),
trugen die gleichen Kleider, verrichteten die gleichen
Arbeiten, sahen und hörten die gleichen Dinge wie die
Erwachsenen. Sie wurden wie »kleine Erwachsene«
wahrgenommen und behandelt. Einen Schutz für ihre
besonderen kindlichen Bedürfnisse gab es in der Regel
nicht. Sehr viele Kinder mussten große Belastungen,
Ausbeutung und Missbrauch ertragen.
Erst im 19. Jahrhundert änderte sich diese Ausgangslage,
indem sich im Verlauf der Industrialisierung Arbeits- und
Familienwelten immer weiter voneinander trennten. Kinder
lebten jetzt in Familien, die von der wirtschaftlichen
Produktion abgeschirmt waren und sich als
Erziehungsinstanzen verstanden. Unterstützt wurden sie
durch Kindergärten, Schulen und andere öffentliche
Bildungseinrichtungen, die ihre Aufgabe darin sahen, die
Persönlichkeitsentwicklung des gesellschaftlichen
Nachwuchses zu begleiten und Kinder und Jugendliche auf
das Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Ihr Einfluss ist
in den letzten Jahrzehnten immer größer geworden
(Andresen/Hurrelmann 2010; Bühler-Niederberger 2011).
Gleichzeitig ist die Lebensphase Kindheit wegen der sehr
früh einsetzenden Pubertät kürzer geworden.
Entsprechend drängen sich die Anforderungen für die
Verarbeitung der inneren und der äußeren Realität in
einem kurzen Zeitraum.
Zur Kindheit gehört heute die Ernsthaftigkeit des
Leistungsdrucks, spätestens aber der mit dem sechsten
Lebensjahr beginnenden Schulpflicht. Schon im
Kindergartenalter spüren viele Kinder die Erwartung ihrer
Eltern, ihre kognitive und intellektuelle Entwicklung
schnell voranzutreiben und auf die Leistungsanforderungen
der Schule vorbereitet zu sein. Sie werden fast ebenso