2026-001/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/283.md

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fungieren als Interpreten ihrer Lebensumstände, sie sind
zu keinem Zeitpunkt ihrer Biografie
»konstruktionsunfähig« (auch nicht im Kindesalter) und
ihre Wandlungsfähigkeit nimmt bis zum Ender ihrer
Biografie nicht ab. Ein wesentlicher Motor der
gesellschaftlichen Verständigung auf gemeinsame Werte
sind hierbei Einigungsprozesse. Hierbei sind es nicht
formale Prozesse, sondern bewusste wie unbewusste
Verständigungsakte, die Orientierung an gemeinsamen
Erwartungen an eine soziale Situation und die Erwartung,
dass andere Menschen diese Erwartungen auch haben.
Dass hier kein reibungsloser Prozess der Aneignung von
Erwartungserwartungen erfolgt, zeigen jene Ambivalenzen
auf, die mit der Deutung und Missdeutung von
Sinnstrukturen verbunden sind.
Komplexe Anforderungen an den Aufbau der Ich-Identität
Die aktuellen soziologischen Erweiterungen zum
thematischen Dreieck Identität, Reziprozität und
Ambivalenz sind offene Diskussionsfelder. Zweifellos
schließen sie an ältere Annahmen von Krappmann zur
Identität an. Hierin liegt eine besondere Bedeutung, weil
sie die soziale Komponente der Identitätsbildung stärker
betonen als psychologische Zugänge. Gleichzeitig sind sie
wertvoll, weil sie in einer empirischen
Sozialisationsperspektive auf das fokussieren können, was
häufig »übrig« bleibt, nämlich auf die Mikroperspektive der
Identitätsbildung. In dieser Hinsicht ist Kurt Lüscher zu
verstehen, wenn er fordert, »Sozialisation a priori als
offen zu betrachten« (Lüscher 2016, S. 133). Diese
Offenheit ist sowohl normativ (was wir gesellschaftlich
»wollen«) als auch analytisch (unsere wissenschaftliche
Perspektive betreffend) zu verstehen. Vor allem als
analytische Perspektive stellt sie Bezüge zur
Kulturanthropologie (Helmut Plessner) und von dort zu der
bereits skizzierten Denkrichtung rekonstruktiver