2026-001/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/274.md

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Man kann von einer »Parentifizierung« der Kinder
sprechen, die in die Rolle eines Erwachsenen und oft auch
eines Partnerersatzes gedrängt werden, ohne die dafür
notwendigen Ressourcen zu besitzen. Sie stellen eigene
Bedürfnisse als Kind zurück, werden somit in
»umgekehrte« Rollenbeziehungen gedrängt. Ihr
Anpassungs- und Bewältigungsdruck, ihre Angst vor dem
Zerreißen der Familie und ihr Mangel an Unterstützung
kann dazu führen, dass sie ihre altersgemäßen
Entwicklungsaufgaben (schulische Leistungen erbringen,
Kontakte zu Freunden und Gleichaltrigen aufbauen) nicht
erfüllen können. Die Folge können Störungen in ihrer
Persönlichkeitsentwicklung sein. Schlafmangel und
Konzentrationsschwächen, Zeitmangel, Lernrückstande
und Fehlzeiten beeinträchtigen ihren Schulalltag. Der
nachhaltige Normbruch des Familienarrangements führt zu
sozialer Isolation, Angst und Scham. Deshalb wird es oft
auch sehr schwierig, geeignete institutionelle Hilfen
anzufordern und einzubeziehen (Beardslee et al. 2009).
Ein anderes Beispiel: Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die
im Grundschulalter nach Deutschland kommen, die
deutsche Sprache nicht sprechen können und sich von
heute auf morgen auf die ihnen völlig fremde neue Sprach-,
Lern- und Alltagskultur einstellen müssen. Sie können die
Anforderungen der schulischen »Qualifikation« meist nie
reibungslos erfüllen, weil sie große Defizite beim
Schriftspracherwerb haben (Brizic 2008). Das kann aber
auch schnell dazu führen, dass sie keine regulären
Kontakte zu den Mitschülerinnen und Mitschülern
aufbauen können. Für diese Kinder besteht das Risiko, als
Problemschülerinnen oder -schüler identifiziert und
infolgedessen von der Schule verwiesen oder in eine
Anfangsklasse zurückgestuft zu werden.
Alle diese Nachteile können sich aufschaukeln und so zu
einer Diskriminierung entlang ethnischer Merkmale
führen, in die fremdenfeindliche Komponenten eingehen