2026-001/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/241.md

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Widersprüche des Vergleichs historischer und aktueller
Lebensbedingungen gut deutlich. Das Beispiel geht von
den Lebensbedingungen der nachwachsenden Generation
aus. So erleben Kinder und Jugendliche heute die Zunahme
von tatsächlichen und virtuellen Freiheiten der
Lebensführung sowie der erhöhten Möglichkeiten zur
Selbstbestimmung. Dennoch fühlen sie sich immer früher
durch den Zwang zur beruflichen Orientierung und der
wachsenden Konkurrenz bereits in der Schule belastet.
Bedeutet dies eine Zunahme oder eher eine Abnahme der
Freiheitsgrade?
Schon Kinder können in den offenen, individualisierten
westlichen Gesellschaften Belastungssymptome zeigen, die
typischerweise als Stresserkrankungen von Managerinnen
und Managern bezeichnet werden. In der Summe kann
daher nur bedingt von gestiegenen Freiheiten in den
westlich orientierten Gesellschaften gesprochen werden,
obwohl wir gleichzeitig den fast vollständigen Wegfall
körperlicher Züchtigung und das Verbot der Kinderarbeit
kennen. Mitunter können Zwänge, die mit Ängsten
verbunden sind, mehr Gewalt über die Persönlichkeit
bekommen als materielle Zwänge und tatsächliche
Bedrohungen. In den nachfolgenden Abschnitten werden
solche Phänomene, die in der Fachdebatte auch als
»Deprivation« oder »relative Deprivation« bezeichnet
werden, noch ausführlicher erörtert.
Die Weiterführung des interaktionistischen Paradigmas
Obwohl die Theoriebezüge zum zweiten Prinzip des MpR
mannigfaltig sind, bleibt eine Ausgangsannahme
kontinuierlich stabil. Sozialisation als Eigengestaltung der
Persönlichkeit durch produktive Realitätsverarbeitung ist
durch und durch ein Interaktionsphänomen, das eine
doppelte Wirkrichtung hat: Zum einen auf die Prozesse der
Individuation, die entweder die Veränderung oder aber die
Verfestigung von Persönlichkeitsmerkmalen beinhalten