2026-001/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/117.md

36 lines
1.7 KiB
Markdown

erste Form, die sich von Rollen- und Anpassungszwängen
freimachen kann. Wie wichtig dieses Konstrukt ist, wird in
der Weiterentwicklung dieses Ansatzes noch deutlich.
Kompetenzen des Rollenhandelns
Noch im Anschluss an Parsons, vor allem aber an Mead
setzt sich Habermas (1973b) mit den konkreten
Anforderungen auseinander, die ein Mensch in einer
demokratischen Gesellschaft erfüllen muss, um voll
handlungsfähig und mit sich selbst identisch sein zu
können. In diesem Zusammenhang arbeitet er
insbesondere die drei Fähigkeiten der Rollendistanz, der
Ambiguitätstoleranz und der Frustrationstoleranz heraus:
Rollendistanz ist notwendig, weil in Familie, Schule,
Freizeit und Arbeitsleben verschiedene Werte und
Normen institutionalisiert sind, die den eigenen
Bewertungen und dem Streben nach Autonomie
teilweise widersprechen. Ein autonomes »Spielen« der
sozialen Rolle setzt voraus, dass diese zwar beherrscht
wird, dass aber auch die Fähigkeit vorhanden ist, sich
von ihr in Teilen strategisch wieder abzusetzen. Wer
vollständig nur in einer Rolle aufgeht, kann seine
Persönlichkeit nicht autonom entwickeln, sondern wird
von den sozialen Vorgaben der Rolle gewissermaßen
erdrückt.
Ambiguitätstoleranz ist notwendig, weil die
Erwartungen an eine soziale Rolle immer ungenau und
diffus sind und deswegen teilweise der Interpretation
bedürfen. Jeder Mensch muss über die Fähigkeit
verfügen, Unklarheiten und Spannungen im
Rollengefüge zu ertragen und dennoch handlungsfähig
zu bleiben. Eine vollständige Übereinstimmung der
Rollendefinition mit dem tatsächlichen Verhalten ist
äußerst selten und meist ein Zeichen für ein hohes
Ausmaß an Zwang in einem sozialen System.