2026-001/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/102.md

37 lines
1.9 KiB
Markdown

und als »Rezept« habitualisiert wird, ist die Grundlage der
Habitustheorie (Krais/Gebauer 2017). Was als
Wissensvorrat über die soziale Welt gespeichert wird,
drückt sich in kognitiven und körperlichen
Dispositionsmustern aus (Fröhlich 2007). Die erlernten und
erworbenen Strukturen haben damit eine materiale und
körperliche Basis (Körperhaltungen, die Beziehung zu
seinem eigenen Körper etc.). Die Dispositionen des Habitus
sind Bestandteil und zugleich Produkte der Sozialisation. Je
früher sie gebildet werden, desto stabiler sind sie in der
Biografie.
In den vergangenen Jahren wird in weiten Bereichen der
Soziologie und besonders auch der Sozialisationsforschung
sehr intensiv mit diesem Ansatz gearbeitet
(Baumgart 2004). Es wird anerkannt, dass es sich um eine
theoretische Konzeption handelt, die wie kaum eine andere
in der Lage ist, eine Struktur- und Handlungsorientierung
miteinander zu verbinden. Seinem Denken ist indes auch
häufig vorgeworfen, dass es zu »deterministisch« sei. Dies
meint für die Frage des Lebenslaufs, dass die Entwicklung
durch Strukturen festgelegt ist und Freiräume kaum
vorhanden sind. Bourdieu selbst hat dieser Einordnung
vehement widersprochen. Er wiederholte immer wieder,
was auch für andere aktuelle Diskussionslinien in der
Sozialisationsforschung gilt. Mit der Habitualisierung ist
nur die eine Seite der Vergesellschaftung angesprochen,
die Verarbeitung der eigenen Erfahrungen und die
Übersetzung in einen individuellen Wissensvorrat.
Variationen der Entwicklung aber entstehen mannigfaltig:
Keine Entwicklungsbedingungen sind gleich und selbst
ähnliche Realitäten werden von unterschiedlichen
Menschen unterschiedlich verarbeitet. Schließlich werden
Unterscheidungen dadurch real, weil sich die sozialen
Bedingungen, unter denen einmal ausgeprägte
Dispositionen zum Einsatz kommen, von denen
unterscheiden, in denen diese Dispositionen konstruiert