2026-001/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/090.md

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Das Konzept der Selbstsozialisation nährt die Vorstellung,
Individuation verlaufe durchgehend selbstgesteuert, und
die Autonomiepotenziale der Persönlichkeit seien
anthropologisch gegeben. Das grundlegend interaktive
Verhältnis zwischen Person und Umwelt, das sich im Laufe
der Lebensgeschichte über Krisen und Phasen aufbaut,
kann mit dieser generalisierten Systemvorstellung nicht
sicher erfasst werden. Die Annahme der NichtSteuerbarkeit einzelner Systemebenen ist im Zugang der
Sozialisationsforschung definitiv eine wichtige Neuerung.
Gleichzeitig ist bisher noch nicht deutlich genug geworden,
wie stark das Eigenleben eines Individuums (oder seines
psychischen Systems) gesehen werden kann (Bauer 2002).
Die Systemtheorie hat mit dem Ansatz der
Selbstsozialisation einen konsequenten Blick auf die
Entwicklung von Individualität geworfen. Dieser wird in
dieser Form auch als Orientierung (als erkenntnisleitende
Heuristik) wahrgenommen. In empirischer Hinsicht sind
diese Annahmen aber kaum überprüft worden.
Insgesamt liegt mit Luhmanns Theorie gegenüber
Parsons eine Öffnung und Dynamisierung der
Systemtheorie vor. Sie ist allerdings so abstrakt, dass keine
Aussagen über das Verhältnis der Systeme Organismus,
Psyche und Gesellschaft zueinander getroffen werden
können, die in der Realität beobachtbar und durch
empirische Forschung überprüfbar sind. Tilmann Sutter
(geb. 1957) hat darauf hingewiesen, dass diese
Einschränkungen nicht zwangsläufig sind, und den Versuch
unternommen, konzeptionelle Schwächen der
Systemtheorie auszugleichen und eine Brücke zwischen
den subjekt- und handlungsorientierten Theorien zu
schlagen (Sutter 1999b).
DIE SOZIALTHEORIE PIERRE BOURDIEUS