2026-001/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/074.md

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seine Beschränkungen und kritischen Potenziale zu
verstehen. Dadurch setzt sich die Frankfurter Schule von
einer engen Lesart der »Die-Gesellschaft-bestimmt-dasHandeln«-Orthodoxie ab, die sich in der materialistischen
Lesart seit Marx herausgebildet hatte. Es ist das
interessante Wechselspiel zwischen Individuum und
Gesellschaft, das die Kritische Theorie in den Blick nimmt
und keine Vorentscheidung darüber fällt, wie stark
Vergesellschaftungsbedingungen wirken.
Obwohl keinesfalls weniger skeptisch als Marx, wenn es
um die Übermacht der sozialen Strukturen geht, sieht die
Frankfurter Schule mehr Zwischentöne in der
Auseinandersetzung des Subjektes mit den
gesellschaftlichen Zwangsverhältnissen. Es ist eine
offenere Beziehung, die immer mit einem empirischen Blick
darauf verbunden wird, wie »offen« oder »geschlossen«
Gesellschaften funktionieren. Zum einen sind zwar alle
Menschen durch ihre Anpassung daran aktiv beteiligt, von
den gesellschaftlichen Bedingungen unterworfen zu
werden. Zum anderen aber sind die Individuen durch diese
Form der Verwobenheit potenziell in der Lage,
Herrschaftsstrukturen zu unterbrechen und Autonomie zu
erlangen.
Die Vertreterinnen und Vertreter der Frankfurter Schule
gehen in allen diesen Punkten deutlich über Marx hinaus
und entwickeln als erste eine interdisziplinäre
materialistische Gesellschaftstheorie. Ihre Ansätze sind viel
deutlicher historisch ausgerichtet und beschreiben das
Wechselspiel von Herrschaft und Befreiungsbewegungen
komplexer, als es Marx mit dem (einfachen) Gegensatz von
Kapital und Arbeit vermochte. Noch bedeutsamer für die
Sozialisationstheorie ist, dass die Kritische Theorie in der
Lage ist, psychologische Erkenntnisse zu integrieren, vor
allem die der Psychoanalyse (s. unten). In großen, teilweise
auch empirischen Studien (Horkheimer 1936/1987), geht
diese Symbiose von Psychoanalyse und materialistischer