2026-001/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/024.md

36 lines
1.8 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

die Debatte über das Soziale beherrschten. Wie Dieter
Geulen (1991, S. 21) in seinem Überblick über die
Geschichte der Sozialisationstheorie herausgearbeitet hat,
wird der Begriff »Sozialisation« zwar in enzyklopädischen
Werken schon seit dem frühen 19. Jahrhundert benutzt, in
einer wissenschaftlichen Abhandlung aber erstmalig im
Jahr 1896, und zwar vom amerikanischen
Sozialphilosophen Edward A. Ross.
Der deutsche Sozialphilosoph Georg Simmel (18581918)
und der französische Soziologe Emile Durkheim (1858
1917) haben kurz darauf erste, durchaus ähnliche
Definitionen des Sozialisationsbegriffs vorgenommen. Bei
seiner Untersuchung des Übergangs von einfachen zu
arbeitsteilig organisierten Industriegesellschaften stellte
sich Durkheim die Frage, wie in komplexen Strukturen
soziale Integration hergestellt werden kann. Seine Antwort:
Nur wenn alle Gesellschaftsmitglieder die Normen und
Zwangsmechanismen verinnerlichen, wenn die Gesellschaft
gewissermaßen in sie eindringt und ihre Persönlichkeit von
innen her organisiert. Das menschliche Individuum ist nach
dieser Vorstellung triebhaft, egoistisch und asozial und
wird erst durch den Prozess der Sozialisation
gesellschaftsfähig. Diesen Prozess der »Vergesellschaftung
der menschlichen Natur« nennt er »Sozialisation«
(Durkheim 1972).
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen diese beiden
Ansätze für einen Aufbruch der soziologischen Theorie in
Richtung einer Persönlichkeits- und Erziehungstheorie und
gaben wichtige Impulse für die interdisziplinäre Forschung.
Durch Simmel und Durkheim teilweise mit angestoßen,
teilweise unabhängig von ihrem Werk, sind in
verschiedenen Theorien der Psychologie und der Soziologie
Konzepte der Persönlichkeitsentwicklung des Menschen in
einer sich verändernden gesellschaftlichen Umwelt
entfaltet worden. Diese werden in den Kapiteln zur