41 lines
3.1 KiB
Markdown
41 lines
3.1 KiB
Markdown
Wenn misshandelte Frauen ihre Kinder misshandeln
|
||
|
||
213
|
||
|
||
Während das Leben in Frau A.s Familie gekennzeichnet ist durch Partnerund Eltern-Kindbeziehungen, in denen sich Liebeswünsche und gewalttätig
|
||
ausagierte Wut zu einem Ganzen verwoben haben, setzen dem die sozialen
|
||
Institutionen die Klarheit von Gewalthandeln versus Nicht-Gewalthandeln
|
||
gegenüber. Soziale Institutionen, ob Frauen- oder Kinderhilfseinrichtungen,
|
||
bieten Schutz in Situationen gewalttätigen Scheiterns von Beziehungen, ob
|
||
Paar- oder Eltern-Kindbeziehungen oder beidem. Sie zwingen aber auch zu
|
||
klaren Entscheidungen oder treffen ihrerseits klare Entscheidungen (z.B. bei
|
||
Inobhutnahmen). Die Grenzen ihrer Handlungsmöglichkeiten werden den
|
||
Betroffenen insbesondere dann schmerzhaft bewusst, wenn z. B. die Frauen
|
||
bei ihrem Partner bleiben wollen, dieser aber nicht länger gewalttätig sein soll
|
||
oder Kinder bei ihren Eltern - nicht selten auch beim Vater – diese aber weder
|
||
untereinander noch ihnen gegenüber gewalttätig sein sollen.
|
||
Gewalt macht Angst und fordert Schutz, sei es vor sich selbst oder anderen und bedarf einer eindeutigen Stellungnahme. Doch die darin enthaltene
|
||
Konstruktion von gut und böse, richtig und falsch trifft nur einen Aspekt des
|
||
Lebenszusammenhangs der Beteiligten, da sie die anderen Seiten der familialen Beziehungen notwendigerweise ausblendet. Wenn soziale Institutionen
|
||
derartige Aufspaltungen vermeiden wollen, bedeutet das:
|
||
ȡ Frauenhilfseinrichtungen müssen den Frauen und Kindern zuliebe sowohl
|
||
einen konkreten Ort darstellen, der physisch vor Gewalt schützt als auch einen intermediären Raum, d.h. einen gedanklichen Zwischenraum, in dem die
|
||
Vielschichtigkeit der Beziehungen der Frauen zum Mann und der Kinder zu
|
||
Mutter und Vater Platz hat.
|
||
ȡ Kinderhilfseinrichtungen müssen einen Ort darstellen, der auf das Kindeswohl zentriert ist, gleichwohl aber einen intermediären Raum schaffen für
|
||
die Vielschichtigkeit der Beziehungen der Kinder zu Mutter und Vater und
|
||
vice versa, so dass die Kinder sich in ihren Ambivalenzen dort aufgehoben
|
||
fühlen.
|
||
Gewalterfahrungen in Familien sind Teil von Beziehungskontexten, die
|
||
von Professionellen in der Arbeit mit Betroffenen ein inneres Halten (holding
|
||
function, Winnicott 1979) erfordern, denn der gewalttätige Mann war für die
|
||
meisten Frauen eben nicht nur ein „Misshandler“; sondern ihr Partner; gewalttätige Eltern sind für ihre Kinder nicht nur „Gewalttäter“ sondern zentrale Bezugspersonen. Das bedeutet nicht, irgend jemand zu entschuldigen, der
|
||
oder die Gewalt ausgeübt hat, sondern zunächst einmal nur, alle Facetten des
|
||
vielschichtigen Beziehungsdramas zusammen zusehen:
|
||
„Ambivalenzen sensibler wahrzunehmen und die Einheit von Widersprüchen ins Kalkül zu
|
||
£ǰȱ Ĵȱ ȱȱ £ȱ ȱ Ȭȱ ȱ ȱ ȱ ȱ ȱ ȱ £§ȱ
|
||
alles gegen diesen vordergründig kontrafaktischen Blick sträuben mag“ (Honig 1987: 98).
|
||
|
||
Möglicherweise kehrt damit auch ein Stück Unklarheit über eine Lösung, die
|
||
als „gut genug“ (good enough, Winnicott 1979) empfunden wird, zurück.
|