3.1 KiB
Auftrag und Handlungsmöglichkeiten der Jugendhilfe bei häuslicher Gewalt
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werden, sich zu prostituieren, von Zuhause wegzulaufen, sich umzubringen oder kriminell zu werden. Die Sozialschädlichkeit innerfamilialer Gewalt liegt zudem in der intergenerationalen Übertragung. Frauen, die als Kinder bereits Partnergewalt beobachten mussten, oder selber misshandelt wurden, haben ein vielfach erhöhtes Risiko als Erwachsene Opfer häuslicher Gewalt zu werden. Unter den Tätern häuslicher Gewalt sind entsprechend viele mit eigenen Misshandlungserfahrungen und dem Beobachten von Partnergewalt (zusammenfassend Nds. MSFFG 2005 S. 23). Wer Gewalt in der Kindheit erfährt, reinszeniert gewaltvolle Beziehungen nicht nur im Erwachsenenalter, sondern häufig schon im Kindes- und Jugendalter. Gewalteskalationen unter männlichen Jugendlichen, die eine typische Indikation z.B. für Erziehungshilfe gemäß §§ 27 ff. KJHG darstellen, sind oft Ausdruck von Gewalterfahrungen im frühen Kindesalter. Innerfamiliale Gewalt wird deutlich bei Sorgerechtsentscheidungen benannt, bei denen die Jugendhilfe das staatliche Wächteramt (Kontrolle) wahrnimmt (Münder u.a. 2000); sie taucht demgegenüber selten auf in Hilfeplanungen, die auf der freiwilligen Beantragung der Mütter oder Eltern beruhen. Moderne Jugendhilfe, wie sie im Konzept der Lebensweltorientierung dargestellt wird, soll angebotsorientiert und ressoucenstärkend und nicht mehr intervenierend vermittelt werden. Genau an dieser Stelle zeigen sich gravierende Probleme für die Soziale Arbeit. Eine auf Hilfeorientierung, Mitwirkung der Betroffenen und Aushandlung gründende sozialpädagogische Maßnahme setzt voraus, dass es ein Problembewusstsein der Betroffenen, sprich der antragsberechtigten Eltern gibt. Dieses ist bei innerfamilialer Gewalt nur rudimentär gegeben. Untersuchungsergebnisse zeigen, dass sich die Auswirkungen der Gewalterfahrungen bei Jungen und Mädchen unterscheiden, auch wenn sie vergleichbar fatale Folgen haben (vgl. im Folgenden auch Hartwig/Hensen 2003: 43f). In der Betrachtung von Bewältigungsstrategien von Mädchen und Jungen in belasteten Lebenssituationen ist erkennbar, dass diese sich zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Da es sich bei Gewalt im innerfamilialen Bereich um eine meist lang andauernde und stark belastende Situation für die betroffenen Kinder handelt, sind vereinzelte Bewältigungs- und Überlebensstrategien aus der Geschlechterforschung durchaus übertragbar: Mädchen neigen demnach mehr zu nach innen gerichtete Strategien. Innerer Rückzug und Abschottung, autoaggressives Verhalten und Anorexie als massivste Form der Essstörungen kann man als „typisch“ weibliche Verhaltensweisen in derartigen Stresssituationen betrachten. In Maßnahmen der Jugendhilfe fallen diese Mädchen als Trebegängerinnen, die die Flucht von zu Hause und aus traditionellen weiblichen Rollen als einzigen Ausweg sehen oder durch Prostitution und Drogenkonsum auf. Mädchen, die innerfamiliale Gewalt erfahren, sind hochgradig gefährdet, auch außerfamilial Opfer zu werden und erneut an gewalttätige Freunde zu geraten (Hartwig 1990).