2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-kinder-und-haeusliche-gewalt/pages/423.md

3.0 KiB
Raw Blame History

426

Konsequenzen und Perspektiven

Kenntnisstand (z.B. Danielson et al. 1998) liegt der Anteil gewaltausübender Partner mit mindestens einer psychiatrisch relevanten Erkrankung zwischen 30 und 50 Prozent, so dass der Faktor psychische Gesundheit auch nur bei diesem Anteil der Fälle potenziell von Bedeutung sein kann. Relativ aussagekräftige Hinweise auf eine tatsächlich ursächliche Rolle liegen insbesondere für den Bereich der Suchterkrankungen (Alkohol und illegale Suchtmittel) vor. Zum einen zeigen mehrere Längsschnittstudien (z.B. Leonard & Sechak 1996), dass die Wahrscheinlichkeit von Partnergewalt nach dem Einsetzen einer Suchterkrankung steigt. Weiterhin ergibt sich aus Tagebuchstudien ein Zusammenhang zwischen Suchtmittelgebrauch und nachfolgenden Gewaltepisoden (z.B. Fals-Stewart et al. 2003). Schließlich zeigen Therapiestudien einen Zusammenhang zwischen erfolgreicher Suchtbehandlung und abnehmendem Gewaltrisiko (z.B. OFarrell et al. 2003). Allerdings führt kein Suchtmittel per se zur Gewaltausübung, wohl aber wird die Verhaltenskontrolle gemindert und Wahrnehmungsverzerrungen, sowie aggressive Verhaltenstendenzen werden bei einigen Suchtmitteln verstärkt (für eine Forschungsübersicht siehe Leonard 2005). Einen deutlichen Hinweis auf die Bedeutung sozialer Faktoren geben Befunde zum Zusammenhang zwischen Suchtmittelgebrauch und Partnergewalt bei Frauen. Zwar geht auch hier ein zunehmender Suchtmittelgebrauch mit einem höheren Risiko der Gewaltausübung einher, noch sehr viel deutlicher steigt allerdings die Wahrscheinlichkeit Gewalt zu erfahren (z.B. Martino et al. 2004). Andere Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit für die Hinweise auf Zusammenhänge zum Entstehen von männlicher Partnergewalt vorliegen, betreffen Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, nicht-affektive Psychosen und eine Reihe von Persönlichkeitsstörungen. Die methodische Aussagekraft dieser Studien ist aber geringer als im Bereich der Suchterkrankungen.

Paardynamik Ereignisse im Verlauf der Beziehungsentwicklung, die die Exklusivität der Beziehung erhöhen (z.B. Eheschließung, Migration) oder die die Verfügbarkeit der Partnerin bedeutsam vermindern (z.B. Schwangerschaft, Aufnahme einer Erwerbsarbeit, Trennung) gehen im Mittel der vorliegenden Studien mit einer zumindest schwachen Erhöhung der Gefahr männlicher Partnergewalt einher (z.B. Burch & Gallup 2004). Im Verlauf der Beziehungsentwicklung werden vor einer Verletzung körperlicher Grenzen sehr häufig andere Grenzen ausgetestet, etwa durch eine erhöhte verbale Aggressivität oder eine ausgeprägte psychische Kontrolle der Partnerin (für eine Forschungsübersicht siehe Stith et al. 2004). Weibliche Gewaltausübung gegen den Partner scheint im Mittel dessen Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt in späteren Konfliktsituation zu steigern, während umgekehrt männliche Gewaltanwendung teilweise ein gewaltförmiges Selbstverteidigungsverhalten der Partnerin herausfordert. In