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Der Blick der Forschung
Maria Eriksson
Sichtbares oder unsichtbares Kind? Professionelle Ansätze in der Arbeit
mit Kindern gewalttätiger Väter in Schweden
Dieses Kapitel führt einige der Widersprüche und Dilemmata aus, die mit
den aktuellen schwedischen Bemühungen um Gender Equality gemeinsame elterliche Sorge und „neue Väter“ sowie Initiativen zur Förderung des
Kindeswohls verknüpft sind.29 In Schweden werden bei familienrechtlichen
Verfahren zur Regelung des Sorge- und Umgangsrechts sowie des Aufenthalts die Untersuchungen, auf deren Grundlage das Gericht seine Entscheidung trifft, von einer speziellen Gruppe Sozialarbeiter/innen sog. family
law secretaries30 durchgeführt. Darüber hinaus führen sie Kooperationsgespräche im Sinne von Mediation mit getrennt lebenden Eltern, die Konflikte
beilegen wollen, die ihre Kinder betreffen. Die Arbeit dieser professionellen
Helfer/innen ist für die Sicherheit und das Wohlergehen von Kindern nach
Trennung bzw. Scheidung, wenn der Vater gegenüber der Mutter und/oder
dem Kind gewalttätig war, von höchster Bedeutung. Im Folgenden wird die
Arbeit der Familienrechtshelfer/innen in Fällen häusliche Gewalt des Vaters
gegen die Mutter analysiert: Wie nehmen sie die Lage und Bedürfnisse von
Kindern gewalttätiger Väter wahr? Das Ziel ist, die Position von Kindern, die
von häuslicher Gewalt betroffen sind, in Sorgerechts-, Aufenthalts- und Umgangsrechtsverfahren vor Gericht zu beleuchten.
Die Ausführungen beziehen sich auf aktuelle Forschungsergebnisse über
das schwedische Familienrecht, Familienpolitik und den Umgang mit väterlicher Gewalt (Eriksson, 2003).31 Diese Forschung besteht aus drei zusammenhängende Untersuchungen über die Bedeutung der Konstruktion von Alter,
Geschlecht und Verwandtschaft im Umgang mit väterlicher Gewalt gegen
Mütter bzw. weitere Bezugspersonen (miterziehende Partnerin) und Kinder. Die erste Studie wertet Daten aus öffentlich zugänglichen Akten in drei
Bereichen aus (Gewalt in nahen Beziehungen; Elternschaft, Trennung und
Scheidung; Kindeswohlgefährdung), und untersucht den sozialpolitischen
Umgang mit väterlicher Gewalt. Die zweite Studie basiert auf strukturierten
Interviews mit misshandelten Frauen, die von ihren Partnern getrennt leben,
und untersucht die Bedeutung der Gewalt des Vaters bzw. miterziehenden
Partners im Alltagsleben der Mütter nach der Trennung sowie die Frage, wie
29 Dies ist die übersetzte und überarbeitete Fassung eines Artikels, der kürzlich veröffentlicht
wurde (Eriksson 2005).
30 Im Folgenden übersetzen wir mit ”Familienrechtshelfer/innen”, denn der Auftrag dieser Sozialarbeiter/innen ist dem der Verfahrenspflegrinnen zwar ähnlich, aber nicht damit identisch.
31 Sie baut auf einer soziologischen Dissertation und den dort zusammen gestellten Ergebnissen des von der Schwedischen Behörde für Entschädigung und Hilfe für Opfer von Straftaten
finanzierten Forschungsprojekts „Im Interesse der Kinder: Geschlecht, Gewalt und Elternschaft
bei Trennung und Scheidung“ (1997-2001) auf.