2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-kinder-und-haeusliche-gewalt/pages/057.md

33 lines
2.5 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains invisible Unicode characters

This file contains invisible Unicode characters that are indistinguishable to humans but may be processed differently by a computer. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

58
Der Blick der Forschung
Nora beschreibt mit dem Tropfen ihre widersprüchlichen Gefühle als von
außen nach innen nuanciertes Schichtenmodell - auch wenn sie nach außen
versucht, sich zu wehren, ist sie doch im Innersten schutzlos und verletzbar.
Sie kann die Gewalt nicht beeinflussen, ihre Gefühle sind im Tropfen eingeschlossen. Mit diesem Bild symbolisiert Nora die traumatische Hilflosigkeit,
die während des Miterlebens der Gewalt stattfindet. Nora hat keinen Schutz
durch die Mutter, stattdessen muss sie sich um ihre Mutter kümmern. „Das
wird schon wieder,“ habe sie oft zu ihr gesagt. Ihre eigene Traurigkeit habe sie
vor der Mutter verborgen.
Kinder werden in einer gewalttätigen Familiendynamik nicht in ihren
Bedürfnissen wahrgenommen, sie müssen erwachsene, schützende und sorgende Rollen einnehmen, die Rollen von Eltern und Kinder kehren sich um,
sie werden parentifiziert. Manche Kinder, insbesondere Mädchen, hatten einen großen Teil ihrer eigenen Kindheit oder Jugend ihren Müttern geopfert,
um sie zu schützen, einige übernahmen auch den Schutz und die Versorgung
ihrer jüngeren Geschwister. Dieser Verlust der eigenen Kindheit ist als eine
Form „seelischer Verwaisung“ anzusehen, da er einem Verlust der guten Eltern gleichkommt. Doch wenn sich Kinder noch so sehr für den Schutz der
Mutter opfern, können sie nie genügen, da sie nicht über die Macht verfügen,
die Gewalt des Vaters zu beenden.
Viele Kinder waren zudem schweren Loyalitätskonflikten zwischen den
Eltern ausgesetzt. Die gewalttätigen Väter suchten in ihren Kindern Verbündete gegen die Mutter und setzten sie psychisch unter Druck. Sie stellten sich
den Kindern gegenüber als Opfer dar, beschuldigten die Mutter, weinten sogar vor den Kindern oder drohten mit Suizid. Die Kinder litten in der Folge
an starken Ambivalenz- und Schuldgefühlskonflikten. Zwischen Liebe und
Hass, zwischen Vater und Mutter hin- und hergerissen, konnten manche Kinder die Trennung der Eltern und das Zerbrechen der Familie kaum ertragen,
auch wenn sie selbst vom Vater misshandelt wurden.
So sträubte sich der elfjährige Johann mit aller Kraft gegen die Trennung
von seinem Vater, obwohl er bereits als Kind von ihm schwer misshandelt
wurde und ständig die Gewalt gegen die Mutter miterlebte.
,,Ich hab sie immer auseinander getan, weil ich Angst gehabt habe, dass sie sich vielleicht
gegenseitig umbringen,” erzählt Johann. „Er ist immer dazwischen gegangen und dann hat
Ž›ȱž‹ȱ ’ŽŽ›ȱǽŒ‘•§ŽǾȱŽ”›’ސǰȃȱŽ›§—£ȱœŽ’—ŽȱžĴŽ›ǯȱ