2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-kinder-und-haeusliche-gewalt/pages/053.md

3.6 KiB
Raw Blame History

54

Der Blick der Forschung

Erleben von Kindern als ZeugInnen physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt gegen ihre Mutter darstellen. Die interviewten Kinder und Jugendlichen schilderten Zustände intensiver Angst und Bedrohung, die sie meist über Jahre in ihrer Familie ertragen mussten. Sie erinnerten sich an Szenen, in denen die Väter ihre Mütter schlugen, traten, zur Wand warfen, würgten, mit Gegenständen angriffen, demütigten und mit dem Umbringen bedrohten. Häufig hörten sie die väterlichen Gewaltausbrüche und die Schreie der Mutter aus einem anderen Zimmer mit.15 Die Angstzustände der Kinder waren von Zittern, Herzklopfen, Schwäche- und Lähmungsgefühlen, Krämpfen, Kribbeln und unangenehmen Gefühlen im Bauch begleitet: „Es hat mir auch wehgetan, wie er sie geschlagen hat, in meinem Bauch zitterte alles“, so beschrieb Sabina (11 Jahre alt) ihr Gefühl überwältigender Hilflosigkeit. Ich möchte nun die zwölfjährige Amela zu Wort kommen lassen, um ihr traumatisches Erleben und damit einhergehende unkontrollierbare Körperempfindungen während der Misshandlung ihrer Mutter sichtbar zu machen. Erschwert wurde bei Amela die Bewältigung ihrer ohnmächtigen familiären Situation durch die Verlusterfahrungen im Prozess der Migration. Amelas Familie war aus wirtschaftlicher Not aus dem ehemaligen Jugoœ•Š ’Ž—ȱ—ŠŒ‘ȱ[œŽ››Ž’Œ‘ȱŽ–’›’Ž›ǯȱŠ•ȱ—ŠŒ‘ȱŽ›ȱ–’›Š’˜—ȱ‹ŽŠ——ȱ–Ž•Šœȱ Vater, ihre Mutter zu misshandeln. Im Alter zwischen 6 und 8 musste Amela mehrmals die Misshandlungen ihrer Mutter miterleben. Amelas Mutter erzählt: „Früher haben wir so gut gelebt, und dann plötzlich, immer nur Streit. … Ich bin wie eine ž›Žȱû›ȱ–Ž’—Ž—ȱŠ——ǯȱdzȱ Œ‘ȱ‘ŠĴŽȱ—œǰȱŠœœȱŽ›ȱ–’Œ‘ȱŠ••Ž’—ȱ•§œœȱ–’ȱŽ—ȱ ’—Ž›—ǯȱŠœȱ soll ich machen mit zwei Kindern alleine? Alleine ohne Familie. Ich kannte niemanden. Nur wegen der Kinder bin ich bei ihm geblieben.“

Amela sei während der Misshandlungen auf dem Bett gesessen und habe immer laut geschrieen „Bitte lass meine Mama in Ruhe, bitte bitte!“. Amela erzählt: ǮŽ’—ȱŠŽ›ȱ‘Šȱœ’ŽȱãЎ›œȱŽœŒ‘•Аޗȱž—ȱŠžŒ‘ȱŠ—ȱŽ—ȱ ŠŠ›Ž—ȱŽ£˜Ž—ȱdzȱž—ȱ’Œ‘ȱ‘Š‹ȱ’––Ž›ȱ geweint, weil mir das auch wehtat,… und da hat er immer zu ihr gesagt, du Hure, und so, du schläfst mit anderen und dabei hat es gar nicht gestimmt. Ich hab immer gesagt, hört auf, Ћޛȱ’Œ‘ȱ‘Š‹ȱ—’Œ‘œȱŽŠ—ǰȱ Ž’•ȱ’Œ‘ȱ‘ŠĴŽȱ—œǰȱ’Œ‘ȱ Ž’đȱ—’Œ‘ǰȱ’Œ‘ȱ‘ŠĴŽȱœŽ‘›ȱŸ’Ž•ȱ—œǯȱ Œ‘ȱ ‘ŠĴŽȱŠȱ”Ž’—Žȱ ›ŠĞǰȱ˜Ž›ȱ’Œ‘ȱ Š›ȱŠ——ȱŽ’Ž—•’Œ‘ȱ—’Œ‘ȱ’Œ‘ȱœŽ•‹Ž›ǰȱœ˜—Ž›—ȱŠȱ Š›ȱ’Œ‘ȱ’›Ž—’ŽȱŠ—£ȱŸŽ›§—Ž›ǰȱ’––Ž›ȱ Ž——ȱœ’ŽȱŽœ›’ĴŽ—ȱ‘ЋޗǯȱŽ’•ȱŠȱ‘ŠĴŽȱ’Œ‘ȱ”Ž’—Žȱ ›ŠĞǰȱ˜Ž›ȱ‘ŠĴŽȱ ich alles vergessen, also ich wusste nicht, was ich tue, … ich spürte mich fast nicht mehr. … Es ist viel schrecklicher als ich es hier erzähle … das war halt schrecklich irgendwie, wie er 15 In einer nordamerikanischen Studie wurde festgestellt, dass sich die Kinder in 90 % der Fälle im Raum, in dem die Gewalt stattfand, oder im nächsten Raum befanden, vgl. Hughes 1992. Jaffe u.a. (1990, S. 20) kamen in ihrer Untersuchung zum Ergebnis, dass die meisten Kinder Details der Gewalthandlungen beschreiben konnten, von denen die Eltern nicht wussten, dass sie sie miterlebt hatten.