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Nohls Konzept des Pädagogischen Bezugs
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Während die erwähnten Autoren – mit Ausnahme von Rousseau – ihre
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pädagogischen Beziehungsmodelle im Rahmen eines Konzepts einer
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sozialpädagogischen Einrichtung und auch im Hinblick auf ihre eigene
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Person entwickelt haben, wurde die pädagogische Beziehung in der
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Reformpädagogik systematisch zum Thema gemacht und in einen größeren
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erziehungswissenschaftlichen Zusammenhang gestellt. Insbesondere das
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Konzept des ›Pädagogischen Bezugs‹, das der Geisteswissenschaftler
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Herman Nohl ab 1910 entwickelt hat, wurde bis in die 1960er Jahre von den
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meisten Sozialpädagogen als maßgebliches Leitkonzept gesehen (vgl.
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ebd.:217 f.).
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Der Kern des ›Pädagogischen Bezugs‹ ist im folgenden bekannten Satz
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von Nohl enthalten: »Die Grundlage der Erziehung ist also das
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leidenschaftliche Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden
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Menschen und zwar um seiner selbst willen, dass er zu seinem Leben und
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seiner Form komme« (Nohl 1970:134). Der Zögling braucht eine Beziehung
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zu einem gebildeten Erwachsenen, um selbst seine Bildungsmöglichkeiten
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entfalten zu können. Das Adjektiv ›leidenschaftlich‹ bezeichnet dabei die
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emotionale Dimension, die sich aus der personalen Ganzheitlichkeit der
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Beziehung ergibt, und es verweist auf die Nähe der beiden Beteiligten. Die
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pädagogische Beziehung nimmt ihren Ausgangspunkt von der Subjektivität
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des Kindes – seiner gegenwärtigen Wirklichkeit und Bedürftigkeit und
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seinen zukünftigen Möglichkeiten – und nicht von äußeren Ansprüchen
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(wie beispielsweise von Staat oder Kirche). Der Erzieher sortiert
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gesellschaftliche Ansprüche daraufhin, was sie für einen individuellen
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Zögling gegenwärtig wie zukünftig bedeuten, und macht sie auf diese Weise
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für ihn bildungswirksam. Erziehung geschieht nach Nohl um des Zöglings
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willen (vgl. Giesecke 1997:225 f.). Das pädagogische Verhältnis ist ein
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wechselseitiges. Beide Seiten bringen allerdings nicht das Gleiche ein. Der
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Erwachsene hat sich in Auseinandersetzung mit der Welt zu einer reifen
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Persönlichkeit gebildet, und auf diesem Bildungsvorsprung beruht seine
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Autorität. Das Kind wiederum bringt als unverwechselbare Persönlichkeit
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seine Spontaneität in diese Beziehung ein sowie seine gegenwärtige
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Bedürftigkeit und seine noch unentdeckten künftigen Möglichkeiten, die es
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nun im Rahmen des pädagogischen Bezugs gemeinsam mit dem Erzieher
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entdecken kann. Deshalb vertraut es sich diesem an (ohne von der
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eigentümlichen Art der Beziehung zu wissen, die der Erzieher darum nicht
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missbrauchen darf, vgl. ebd.:226). Diese wechselseitige personale
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ganzheitliche Beziehung ist geprägt von Liebe und Autorität auf Seiten des
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Erziehers, von Gehorsam und Liebe auf Seiten des Kindes. Die pädagogische
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Liebe fordere »Einfühlung in das Kind und seine Anlagen, in die
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Möglichkeiten seiner Bildsamkeit, immer im Hinblick auf vollendetes Leben.
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(…) Und dem entspricht der Zögling nun im Wachstumswillen und einer
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Hingabe, die nach Hilfe und Schutz, nach Zärtlichkeit und Anerkennung
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verlangt« (Nohl 1970:135 f.). Der Veränderungs- und Gestaltungswille des
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Erziehers wird gebremst durch eine bewusste Zurückhaltung vor der
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Spontaneität und dem Eigenwesen des Zöglings. So ist die Distanz zu seiner
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Sache und zum Zögling – neben der oben erwähnten emotionalen Nähe –
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zugleich ein wichtiger Aspekt der pädagogischen Haltung. Die Besonderheit
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