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Klienten, dem diese Sache gehört (beispielsweise repariert ein
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Automechaniker im Auftrag des Autobesitzers dessen Auto). Bei der
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Realisierung des Dienstleistungsmodells in der psychiatrischen Praxis
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stellen sich zwei prinzipielle Schwierigkeiten: Die Schwierigkeit, Klienten
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als Verhandlungspartner von der ihnen gehörigen und zu behandelnden
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Sache zu unterscheiden, und die Schwierigkeit, überhaupt ein klar
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definierbares Behandlungsobjekt zu identifizieren (vgl. ebd.:45). Die Fiktion
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einer Dienstleistungsbeziehung lässt sich in der psychiatrischen Praxis nur
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unter der Voraussetzung aufrecht erhalten, dass der Patient die Tatsache
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seiner Krankheit anerkennt und den Wunsch äußert, sein Selbst durch die
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Behandlung durch den Psychiater-Experten verändern zu lassen. Das
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Dienstleistungsmodell werde unter dieser Voraussetzung zu einem Mittel
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der Unterdrückung (vgl. Goffmann 1973:349,367 in: Müller 1991:46 f.).
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Nach Müller lassen die in der Sozialpädagogik postulierte Alltagsnähe und
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die Arbeit an der ›ganzen Person‹ des Klienten die von Goffmann für die
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Psychiatrie analysierten Gefahren erst recht virulent werden: »Gerade wenn
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das Alltagsleben der Klienten und deren subjektive Sinndeutungen zum
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Gegenstand des Expertenhandelns erklärt wird, löst sich die Struktur des
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Dienstleistungsverhältnis und der darin liegende Schutz vor den
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Übergriffen der Expertenmacht vollends auf. Die Unterscheidbarkeit
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zwischen Klienten als Partner der Dienstleistung und Objekten der
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Dienstleistung löst sich auf« (1991:52). Weil sich in der Sozialen Arbeit der
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Klienten- und der Gegenstandsbezug des Handelns nicht klar unterscheiden
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lassen, und darüber hinaus ihr Mandat diffus und potentiell von fremden
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Interessen überlagert ist ( Kap. 3.2.1), sieht Müller eine große Relevanz
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der Goffmann’schen Kritik auch für die Sozialpädagogik.
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Müller interpretiert das Modell der psychoanalytischen Beziehung als eine
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Antwort auf das Dilemma der ärztlichen und sozialpädagogischen
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Dienstleistungs-Beziehung (vgl. Müller 1991:57). Fundamental für das
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psychoanalytische Modell sei, dass die Beziehung zwischen Experte und
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Klient nicht als bloße Randbedingung des Expertenhandelns am
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Gegenstand betrachtet wird, sondern diese Beziehung selbst zum
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Gegenstand der Expertenkompetenz werde (vgl. ebd.:58 f.). Ihr Kern ist die
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Fähigkeit zur Gegenübertragungskontrolle (vgl. ebd.:67 f.).
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Gegenübertragung bedeutet zunächst Selbstbetroffenheit der
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Sozialarbeiterin, im Sinne von verstrickt sein in Gefühlen, in die Innenseite
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der Alltagsprobleme des Klienten, die auch als die eigenen erkannt werden.
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Die Fähigkeit, sich diese Selbstbetroffenheit einzugestehen, ist für Müller
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die Voraussetzung für jede mitmenschliche Hilfe. Eine in die Expertenrolle
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selbst eingebaute Kompetenz zu qualifizierter Selbstkritik ist deshalb
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unabdingbar (vgl. ebd.:64, Müller 1991:191, Müller 2002a:83 f.).
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Im Jahre 2005 hat Müller zusammen mit Dörr das Buch ›Nähe und
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Distanz. Ein Spannungsfeld pädagogischer Professionalität‹ herausgegeben.
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Neben einer Vielzahl interessanter Aufsätze findet sich darin auch ein
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Artikel der beiden Herausgeber (vgl. Dörr/Müller 2005a). Sie zeigen auf,
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dass sich Professionalität des Handelns auszeichnet durch eine kunstvolle
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Verschränkung von Nähe und Distanz zu ihren Adressaten und deren
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Problemen. Diese Anforderung ist allerdings »nur unter Bedingung der
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Akzeptanz der nicht hintergehbaren Ungewissheit« zu bewältigen (ebd.:8) –
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Regelwissen dazu gibt es nicht. Professionelle der Sozialen Arbeit stehen
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vor der Herausforderung, einerseits formale Berufsrollen kompetent
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