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1920er Jahren – die psychoanalytische Theorie Sigmund Freuds in der
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Sozialen Arbeit rezipiert. In welcher Weise die Psychoanalyse zur
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Konzeptualisierung der Arbeitsbeziehung in der Sozialen Arbeit
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beigetragen hat, soll im Folgenden anhand der Grundlagenarbeit von
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Stemmer-Lück (2004) und der kritischen Reflexion von Müller (1991)
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nachgezeichnet werden.
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Psychoanalyse als psychologische Theorie und Behandlungsmethode
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Die von Sigmund Freud (1856–1939) entwickelte ›Psychoanalyse‹ ist
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zunächst eine psychologische Theorie des psychischen Lebens und
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Erlebens. Sie enthält eine Persönlichkeitstheorie, deren Kernstück ein
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Strukturmodell der Psyche ist (mit den Instanzen Es, Ich und Über-Ich), eine
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Entwicklungstheorie, in der verschiedene Stufen der psychosexuellen
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Entwicklung unterschieden werden, sowie eine sehr ausdifferenzierte
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Theorie psychischer Störungen (vgl. Stemmer-Lück 2004:18 ff.). Gemäß
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psychoanalytischer Theorie kommt der frühen Kindheit eine besondere
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Bedeutung für die Entwicklung eines Menschen zu. Eingebettet in und
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beeinflusst von den Interaktionsprozessen mit den ersten Bezugspersonen
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wird in psychodynamischen Prozessen eine Persönlichkeitsstruktur
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aufgebaut. Eine weitere wichtige psychoanalytische Grundannahme ist die
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Annahme des Bestehens und Wirkens unbewusster Prozesse. Demnach
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wird menschliches Erleben und Verhalten nicht nur von bewussten
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Intentionen, sondern maßgeblich auch von unbewusst gewordenen
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Erfahrungen, Wünschen und Ängsten bestimmt. Die real in Interaktionen in
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der frühen Kindheit gemachten Erfahrungen werden angereichert mit
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Phantasien und verfestigen sich zu inneren Bildern, die im Unbewussten
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gespeichert sind. Der Mensch hat die Tendenz, diese verinnerlichten
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Beziehungsmuster in aktuellen Interaktionen und Situationen zu
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wiederholen, ohne dass ihm dies jedoch bewusst ist. Dieses Phänomen wird
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Übertragung genannt (vgl. ebd.:25).
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Die Psychoanalyse ist auch eine Behandlungsmethode bei psychischen
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Störungen. Der zentrale Fokus ist der Klient in seiner Beziehungsdynamik.
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Zum psychotherapeutischen Setting gehört eine feste Zeitstruktur für die
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Begegnung zwischen Psychoanalytikerin und Patient. Die Analytikerin
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verhält sich abstinent, d. h., sie bewertet nicht, gibt keine Ratschläge und
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erzählt nichts von sich selbst, sie verhält sich also wie eine weiße Wand, auf
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die der Klient seine Phantasien und Beziehungserfahrungen projizieren
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kann (vgl. ebd.:51). Auf diese Weise kann sich das Beziehungsmuster des
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Patienten in deutlicher Form zeigen. Die psychoanalytische Arbeit besteht
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in der emotionalen Bewusstmachung und Durcharbeitung der
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Beziehungsmuster des Patienten, im gemeinsamen Verstehen der
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Interaktion zwischen Analytikerin und Patient, der Übertragungs- und
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Gegenübertragungsbeziehung (wobei ›Gegenübertragung‹ die emotionale
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Reaktion der Analytikerin auf die Übertragungen des Patienten meint; vgl.
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ebd.:97). Der Umgang mit der Übertragungsbeziehung wird in der
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Psychoanalyse einer kontinuierlichen professionellen Reflexion und damit
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einer methodischen Kontrolle unterworfen. Auf eine gezielte Einflussnahme
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auf den Patienten wird bewusst verzichtet (vgl. Müller 1991:76).
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