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Menschen auch nicht als solche beschrieben, aber sie sind in ihrer textlichen
Ausgestaltung einer Rekonstruktion zugänglich (vgl. ebd.). Auf der
Grundlage von narrativ-biografischen Interviews können sie mit
Instrumenten einer soziologischen Textanalyse erforscht werden. Diese
rekurriert auf die Traditionen der Grounded Theory, der
Konversationsanalyse, Objektiven Hermeneutik, soziologischen
Biografieforschung und Interaktionsanalyse. Ziel der Rekonstruktion ist das
Herausschälen dieser Orientierungsstrukturen als latente Sinnstrukturen,
die Handlungen und Erfahrungen einer Klientin im Kontext ihres Umfeldes
in Einklang bringen. Die herausgearbeitete Ereignis- oder Erfahrungskette
wird zum einen hinsichtlich Handlungsmöglichkeiten untersucht und zum
andern darauf hin, was tatsächlich realisiert wurde. Das Augenmerk liegt
auf dem Erkennen von realistischen Möglichkeiten der Klientin in der
Spanne von Nutzung und Nicht-Nutzung.
Der erste Schritt bildet analog den anderen rekonstruktiven Methoden
ein narratives Interview. Goblirsch et al. haben in der Arbeit mit
Jugendlichen, die eine lange institutionelle Karriere hinter sich haben, die
Erfahrung gemacht, dass die Interviews sich von den Vorgaben für narrative
Interviews bezüglich Offenheit markant unterscheiden. Oft fällt der
Hauptteil des Interviews sehr kurz aus, und so gilt es danach sich
nachfragend vorzutasten. Diese Dialoge haben manchmal auch den
Charakter von Aushandlungsprozessen, wobei es vielfach um die
Aushandlung von Positionen und Identitäten gehe und nicht so sehr um
einzelne Themen (vgl. 2007:230).
Das transkribierte Interview wird in der Folge einer fallrekonstruktiven
Analyse unterzogen, die drei Perspektiven berücksichtigt. Es geht um die
Betrachtung der gelebten, erzählten und erlebten Lebensgeschichte (vgl.
ebd.:231). Analog der Fallrekonstruktion von Haupert geschieht die
Rekonstruktion der gelebten Lebensgeschichte mittels der zeitlichsequentiellen Analyse von Daten, die aus dem Interview und anderen
Quellen entnommen wurden. Dabei spielt die chronologische Abfolge eine
wesentliche Rolle, wird doch bei jedem biografischen Eckpunkt nach der
möglichen Bedeutung des jeweiligen Ereignisses für den Klienten gefragt.
Bei der Rekonstruktion der erzählten Lebensgeschichte rücken die
Präsentation der Erzählung und ihre Gestaltung in den Mittelpunkt. Hier
interessiert, welche Themen ein Klient in welcher Form einbringt, welche
Lebensphase nicht erwähnt wird. Dabei spielt eine Rolle, dass der Blick in
die Vergangenheit von der momentanen Situation bestimmt wird und die
Erzählung somit auf das damalige wie auch heutige Erleben verweist. Mit
der Rekonstruktion der erlebten Lebensgeschichte wird dieser Punkt
speziell aufgegriffen, indem die Forscherin in hypothetischer Weise
nachzuvollziehen versucht, wie die Klientin bestimmte Ereignisse zu
verschiedenen Zeiten erlebt hat. Ins Zentrum rücken dabei Situationen oder
Ereignisse, die die Klientin ganz detailliert schildert und die eine
differenzierte Rekonstruktion erlauben. Anschließend erfolgt eine
Feinanalyse, bei der in unterschiedlichen sehr kurzen Textsequenzen zuvor
gebildete Strukturhypothesen überprüft, modifiziert, verworfen oder
vertieft werden. Je nach Fall wird entschieden, welche Auswertungsschritte
sinnvoll scheinen, eher ausgebaut oder ganz weggelassen werden. So kann
es vorkommen, dass bei einem sehr kurzen Hauptinterviewteil keine
Sequenzierung erfolgt, sondern gleich eine Feinanalyse durchgeführt wird