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Psychoanalytische Traditionslinien in der Sozialen Arbeit
Der Beginn der Verbindung von Psychoanalyse und Sozialer Arbeit ist in den
1920er Jahren in den deutschsprachigen Ländern im Feld der Pädagogik
anzusiedeln, bei August Aichhorn und Siegfried Bernfeld, die beide
Anstalten für dissoziale Jugendliche leiteten. Aichhorns 1925 erschienenes
Buch Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung ist
die erste systematische Anwendung der Psychoanalyse im Feld der Sozialen
Arbeit. Aichhorn betrachtete dissoziales Verhalten als Ausdruck einer
innerpsychischen Funktionsstörung, die mit Hilfe psychoanalytischen
Wissens gedeutet und verstanden werden kann. Verwahrlosung hat also
psychische Ursachen (vgl. Stemmer-Lück 2004:2). Von einer psychischen
Krankheit unterscheidet sich Verwahrlosung einzig darin, dass zu ihrer
Behandlung pädagogische und nicht ärztliche Mittel eingesetzt werden (d. h.
Fürsorgeerziehung und nicht psychoanalytische Behandlung). Damit
entfalle für Aichhorn die Notwendigkeit, das psychoanalytische
Behandlungsprinzip des gemeinsamen Verstehens auch für den
Erziehungsvorgang zu thematisieren, kritisiert Müller (vgl. 1991:79); er
diagnostiziere nicht im Diskurs mit dem Jugendlichen, sondern nutze das
Gespräch lediglich als Datenquelle, aus dem Schlüsse gezogen werden
können für die Erziehung. Aichhorn stellte außerdem die Bedeutung einer
positiven Übertragungsbeziehung für die psychische Entwicklung der
Jugendlichen dar. Auch hier urteilt Müller kritisch: Anders als Freud
verzichte Aichhorn nicht auf gezielte Einflussnahme, vielmehr sei für ihn
Aufgabe des Erziehers, mittels der Übertragungsbeziehung eine
»Charakterkorrektur des Verwahrlosten« (Aichhorn 1951:199, zit in Müller
1991:80) zu erreichen. Die Übertragungsbeziehung sei dann nicht mehr ein
kommunikativer Freiraum, der lebensgeschichtlich eingefrorene
Beziehungsmuster revidierbar macht, sondern ein Machtmittel, um den
Zögling zu einer bestimmten Leistung zu nötigen und zu einer
Charakterveränderung zu bewegen. Die Problematik der Aichhornschen
Psychoanalyse-Rezeption liegt für Müller in der fehlenden professionellen
Reflexion der Übertragungsbeziehung (vgl. 1991:82).
Während Aichhorn die Chancen der pädagogisch-therapeutischen
Beziehung beschrieb, betonte Bernfeld in seinem ebenfalls 1925
erschienen Grundlagenwerk Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung
die Grenzen erzieherischer Einflussnahme. Die Grenzen werden nach
Bernfeld durch die Übertragungsbereitschaft des Pädagogen gesetzt: Sie
liegen im Pädagogen selbst, der auf das Übertragungsgebot des Kindes mit
eigenen Übertragungsimpulsen reagiert, mit irrationalen, der eigenen
Kindheit entstammenden Reaktionen. Nicht nur der Jugendliche überträgt
Muster aus seiner Kindheit in die aktuelle pädagogische Situation, sondern
auch der Pädagoge (vgl. Stemmer-Lück 2004:2 f.). Bernfeld sah in der
Psychoanalyse ein wesentliches Element eines Selbstaufklärungsprozesses,
so Müller (vgl.1991:83). Einsicht in die Übertragungsmomente des
Erzieher-Zöglings-Verhältnisses sei für Bernfeld nicht wichtig, weil sie dem
Erzieher einen mächtigen Hebel zur Verwirklichung seiner Ziele an die
Hand gibt, sondern weil sie ihn die »Grenze der Erziehung« erkennen lässt,
»die durch die seelischen Tatsachen im Erzieher gegeben ist« (Bernfeld
1971:142, zit. in Müller 1991:84). Bei Bernfeld beschränkt sich die