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Hochuli Freund
31.7.17 S. 282
Teil 3 Fallarbeit mit KPG
Die Auswirkungen dieser »Co-Abhängigkeit« auf Beziehungsgestaltungen
sollen mit dem gleichnamigen Buch von Jens Flassbeck (2010) herausgefunden werden.
Bowlby schreibt, dass das Bindungsverhalten eines Menschen in der
Kindheit entsteht und ein Leben lang seine Beziehungen beeinflusst (vgl.
Grossmann/Grossmann 2003:62f.). Eines von drei Bindungsmuster ist das
ängstlich-wiederstrebende, auch unsicher-ambivalent genannt. Dieses Bindungsmuster entsteht, wenn Kinder unsicher sind, ob die Eltern verfügbar
sind, wenn es sie braucht (vgl. ebd.:64). Das Kind hat Trennungsängste und
klammert sich an die Bezugspersonen. Auch ist es »[…] ängstlich bei der Erkundung der Welt« (ebd.). Bei Frau G. könnte dieses Muster auf den alkoholkranken Vater, dessen Persönlichkeit sich je nach Konsum verändert hat,
sowie auf die sehr beschäftigte Mutter von sechs Kindern mit einem Haushalt und einem Hof zurückzuführen sein. Beim Vater wusste Frau G. nie, in
welcher Stimmung er gerade war, dies habe sie sehr beschäftigt. Manchmal
sei er sehr fürsorglich gewesen, andere Male aggressiv und habe sie wegen
einer Kleinigkeit geschlagen. Die Mutter sei kaum für sie verfügbar gewesen. Da Frau G. sehr früh von diesem Bindungsmuster geprägt wurde und
sie auch in ihrem weiteren Leben keine anderen Beziehungserfahrungen machen konnte, zeigt sie bis heute ein unsicher-ambivalentes Bindungsmuster.
Laut Bowlby äussert sich dieses Muster in einem starken Bedürfnis nach
Aufmerksamkeit. Eine Person mit diesem Bindungsverhalten ist entweder
angespannt, impulsiv und hat eine niedrige Frustrationstoleranz oder ist
passiv und hilflos (vgl. ebd.:65). Gemäss der Einschätzung der anderen Professionellen hat Frau G. dieses starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und
ist eher passiv und hilflos. Bearbeitet werden, könnte diese Bindungsstörung
beispielsweise mit der Erfahrungsorientierten Bindungstherapie (vgl. bindungstherapie.com). Bei dieser Therapie erfährt die hilfesuchende Person
durch den (Psycho-)Therapeuten und durch andere Erfahrungen, dass es
tragfähige, stabile Beziehungen gibt. Die erklärenden Hypothesen nach dem
theoriegeleiteten Fallverstehen (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2015:225f.) lauten auf Grund der Bindungstheorie:
• Weil Frau G. in ihrem Leben durch instabile Beziehungen geprägt wurde,
entwickelte sie ein unsicher-ambivalentes Bindungsmuster und zeigt deshalb ein grosses Bedürfnis nach Aufmerksamkeit.
• Das erlernte Bindungsverhalten von Frau G. erschwert ihr das Erkunden
von neuen Tätigkeitsfeldern, da sie ängstlich auf Neuerungen in ihrem Leben reagiert.
• Auf Grund von erlernten Trennungsängsten ist Frau G. in ihrer Beziehungsgestaltung passiv und hilflos, sie wartet eher ab, wie andere die Beziehung zu ihr gestalten, als dass sie eigene Wünsche äussert.
Eine Co-Abhängigkeit nennt Flassbeck ein erlerntes schädigendes Verhalten
als Reaktion auf die Sucht eines nahen Menschen. Wie die süchtige Person erleben die nahen Bezugspersonen wechselnde Gefühlszustände und dramati282