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Historische Wurzeln: Sozialpädagogik und Sozialarbeit
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Die Schwierigkeiten, den Gegenstand der Sozialen Arbeit zu fassen, zeigen
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sich bereits bei der Begrifflichkeit. Soziale Arbeit hat sich etwa seit Beginn
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des 21. Jahrhunderts als neuer Leitbegriff etabliert. Mit diesem Begriff wird
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versucht, das gesamte, vielfältige Arbeitsfeld begrifflich zu rahmen und ein
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einheitliches Funktionssystem abzugrenzen (z. B. gegenüber dem
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Medizinsystem oder Rechtssystem, vgl. u. a. Thole 2012a:22). Daneben
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werden jedoch auch weiterhin andere Begriffe verwendet, insbesondere
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Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Diese beiden Begriffe verweisen auf die
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unterschiedlichen historischen Traditionslinien, welche in der Sozialen
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Arbeit integriert werden. Während Sozialpädagogik für die pädagogischerziehungswissenschaftliche Linie steht und die Wurzel für die heutige
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Kinder- und Jugendhilfe darstellt, so steht die Sozialarbeit als
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›Fürsorgewissenschaft‹ in der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen
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Tradition und ist die Wurzel der Sozialhilfe (vgl. u. a. Gängler 2012:610;
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Thole 2012a:22). Im Hinblick auf Theoriebildung und
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Argumentationskultur könne ›Sozialarbeit‹ als Erbe der bürgerlichen
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Frauenbewegung im ausgehenden 19. Jahrhundert, ›Sozialpädagogik‹
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hingegen als Erbe von Reformpädagogik und bürgerlicher Jugendbewegung
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im frühen 20. Jahrhundert gelesen werden, so Niemeyer (vgl. 2012:146).
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Die beiden Traditions- und Entwicklungslinien werden nachfolgend
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skizziert.
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Sozialpädagogik
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Die Sozialpädagogik hat einen bildungstheoretischen Ursprung, der in den
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Beginn der europäischen Moderne zurückgeht. Damals hat sich die Idee
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eines eigenständigen, freien, bildsamen Individuums etabliert, eines
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Individuums also, das sich selbst bilden und entwickeln kann. Indem die
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traditionelle Ständeordnung an Bedeutung verlor, entstand nicht nur die
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Möglichkeit individueller Entwicklung, zugleich wurden Menschen auch aus
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diesen ständischen Bindungen freigesetzt. Als Reaktion darauf entstanden
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pädagogische Gemeinschaftsbegriffe, um das Individuum wiederum an
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soziale Sphären zurück zu binden. Genau dies ist das Thema der
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Sozialpädagogik: Sie befasst sich mit dem Verhältnis von Individuum und
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Gemeinschaft und fragt nach Möglichkeiten und praktischer Gestaltbarkeit
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der Vermittlung zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Mensch
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und Gesellschaft. Wie können Menschen sich entwickeln und bilden, ihr
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Leben eigenständig gestalten und sich selbst verwirklichen, autonom
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handeln – und zugleich in ein soziales Gefüge eingebettet, in eine
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Gemeinschaft integriert sein und an gesellschaftlichen Errungenschaften
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teilhaben? Historisch gesehen wurde Gemeinschaft als pädagogische
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Aufgabe immer dann virulent, wenn das Verhältnis von Individuum und
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Gesellschaft als problematisch wahrgenommen wurde – denn die
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Gemeinschaft ist das entscheidende Medium sozialer Integration. Das
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sozialpädagogische Nachdenken über das Verhältnis zwischen Individuum
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und Gemeinschaft erfolgte stets im Sinne einer Anwaltschaft für das freie,
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