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494
Trauma und Körper
Bei Lebensgefahr wird es ebenso aktiviert und bewirkt dann eine Immobilisation in Form von Totstellen, Reglosigkeit und Ohnmachtszuständen. Das dorsale
Vagussystem ist bereits vorgeburtlich voll funktionsfähig. Es dient einem Embryo
als Schutz vor Überlastung und Bedrohung. Andere Möglichkeiten der Gefahrenabwendung stehen uns Menschen in diesem Entwicklungsstadium nicht zur Verfügung.
Das sympathische Nervensystem entwickelte sich zu der Zeit, als evolutionsgeschichtlich die Reptilien entstanden. Innerhalb der menschlichen Entwicklung ist
es von Geburt an aktiv. Es aktiviert die Körperbereiche, die unser Handeln mobilisieren und verstärken. Bei Bedrohung wird in unserem Wahrnehmungs- und
Bewegungsapparat alles für Orientierung, Flucht und Kampf bereitgestellt.
Den ventral-parasympathischen Zweig des Vagussystems finden wir nur bei den
Säugetieren und somit auch bei uns Menschen. Dieses entwicklungsgeschichtlich
jüngste System fördert ruhige Verhaltensweisen und reguliert den Einfluss des
Sympathikus auf unser Herz und auf die Regelung unserer Stressreaktionen.
Der ventrale Vagus »mobilisiert die unwillkürlichen Muskeln in Kehlkopf, Gesicht, Mittelohr, Herz und Lungen, die zusammenspielen, um unsere Emotionen
sowohl uns selbst als auch anderen mitzuteilen. Dieses hoch raffinierte System
steuert sowohl Beziehungen, Bindungen und Bindungsprozesse als auch unsere
emotionale Intelligenz« (Levine 2010, S. 131). Für Säuglinge und Kleinkinder ist
dieses Bindungssystem der einzige Schutz (Levine 2010, S. 131).
Dieses System der sozialen Teilnahme und Kommunikation wird auch Soziales-Kontakt-System genannt. Bei Unsicherheiten orientieren wir uns an Gesichtern, Körperhaltungen und Stimmen unserer Bezugspersonen. Wird durch den
Kontakt mit der Gemeinschaft unsere Angst begrenzt, entsteht Sicherheit. Der
ventrale Vagus moduliert also über den sozialen Kontakt, mit dem Ziel, Bedrohungsgefühle, Anspannung und Aggression abzubauen.
Überlebensreaktionen orientieren, fliehen und kämpfen, erstarren
Wenn wir eine Bedrohung wahrnehmen, bereitet sich unser Körper darauf vor,
mit Flucht oder Kampf zu handeln (Levine 2010).
Zuerst mobilisieren wir sympathisch aktivierte Energien, um uns blitzschnell
orientieren zu können. Sofern sich der Reiz als ungefährlich bestimmen lässt, gibt
es eine parasympathische Entladung des Körpers. Erkennen wir allerdings, dass
Gefahr besteht, setzt unser Körper aufgrund der Produktion zahlreicher Hormone
schützende Verteidigungsreaktionen wie fliehen und kämpfen in Gang (Lang
2013, S. 313).
Kann dadurch keine Sicherheit wiederhergestellt werden, haben wir mit der Erstarrung noch eine weitere Strategie, um zu überleben. Der Körper geht in die Erstarrung, »und zwar in einem Moment, in dem weder ein zusätzlicher Spannungs-