2.8 KiB
486
Transgenerationale Weitergabe von Traumatisierungen
genauso bedeutsam für spätere wie umgekehrt. Insbesondere in der französischen Psychoanalyse dient das Konzept der Nachträglichkeit zur Erklärung von Erinnerungsprozessen. Die Erinnerung verläuft weder linear von der Vergangenheit in die Gegenwart, wie dies inzwischen veraltete Abbildtheorien annehmen, noch umgekehrt von der Gegenwart in die Zukunft, wie dies gegenwärtige konstruktivistische Theorien behaupten, sondern in komplexen, konstellativen zeitlichen Bewegungen, die unsere lineare Zeiterfahrung aufheben und sowohl von der Vergangenheit in die Gegenwart wirken als auch umgekehrt von der Gegenwart in die Vergangenheit. Man kann die Traumatisierungen einer früheren Generation im Sinne von Erinnerungsspuren verstehen, die an die nachfolgenden weitergegeben und von diesen mit Bedeutung versehen werden. Je nach dem aktuellen kognitiven, sozialen oder affektiven Entwicklungsstand eines Individuums erhalten die Spuren der elterlichen Traumatisierung neue Bedeutung, entstehen neue unbewusste Versuche, die rätselhaften elterlichen Botschaften zu entziffern. Die Traumatisierungen früherer Generationen lassen sich somit nicht »ein für alle Mal« psychisch integrieren, sondern stellen eine fortwährende psychische Aufgabe im Verlauf des Lebens dar.
Kollektive transgenerative Weitergabe von Traumatisierungen Mit dem Zusammenhang zwischen der Kernidentität von Einzelnen und der Großgruppenidentität, die durch die Zugehörigkeit zu einer ethnischen, politischen oder nationalen Gruppe entsteht, befasst sich eingehend Vamik Volkan (Volkan/Walde 2000; Volkan 2011). Er arbeitet die transgenerative Weitergabe anhand von »auserwählten (chosen) Traumata« und »auserwählten Heldentaten« heraus. Mit dem Begriff des »auserwählten Traumas« wird die unbewusste Wahl einer Großgruppe beschrieben, ihrer eigenen Identität die psychische Repräsentanz eines bestimmten traumatischen Ereignisses hinzuzufügen, das eine frühere Generation durchleben musste: »Das auserwählte Trauma gibt Tausenden und Millionen Menschen eine Bestimmung, macht sie zu Auserwählten, die durch die kollektiven psychischen Repräsentationen dieses Traumas zusammengeschmiedet werden« (Volkan/Walde 2000, S. 944). »Auserwählte Traumata« sind traumatische Erfahrungen früherer Generationen, die ihnen von einer anderen Gruppe – in der Regel einem geografischen Nachbarn – zugefügt wurden und die nicht betrauert wurden, sondern vielmehr nachhaltig deren Selbstachtung im Sinne von ›narzisstischen Kränkungen‹ beeinträchtigten. Als ethnisches oder nationales Identitätsmerkmal werden die massiven kollektiven Traumatisierungen mit der Kernidentität jedes Einzelnen verwoben: »Diese verletzten Selbst- und internalisierten Objektbilder […] [werden] in den sich entwickelnden Selbstbildern ihrer Kinder