2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/474.md

2.8 KiB
Raw Blame History

474

Dissoziation als Anpassungsleistung

tet wird), Zuhause bei den Pflegeeltern oder in der WG sind sie dagegen hoch aggressiv oder andersherum. In der stationären Hilfe kann es auch vorkommen, dass bestimmten Mitarbeiterinnen gegenüber bestimmte Anteile besonders aktiv sind und das Kind infolgedessen sehr unterschiedlich wahrgenommen und eingeschätzt wird. In der Folge kann es zu heftigen Auseinandersetzungen im Team kommen. Grundsätzlich gilt, dass uns die Arbeit mit dissoziativen Kindern besonders belastet und beeinflusst. Wir fühlen uns oft verwirrt, überfordert, als ob wir einfach nichts richtig machen können (Weiß et al. 2014, S. 110ff.). Wir fühlen uns ausgelaugt, inkompetent und verunsichert dies wird im Teufelskreis der dissoziativen Nichtreaktion nach Schmid (Schmid 2009, zitiert in Weiß et al. 2014, S. 106) sehr gut erfasst. Manchmal spüren wir auch eine unangenehme Abneigung, uns auf das Kind einzulassen. Die traumatischen Erlebnisse dieser Kinder übertragen sich dynamisch auf uns, und wenn wir in einer WG unter Umständen nicht nur eines, sondern gleich eine ganze Reihe komplextraumatisierter Kinder haben, dann entsteht sehr schnell ein Gefühl im Team, als ginge es ständig um Leben und Tod. Es kommt dann zu emotional überladenen »fachlichen« Diskussionen, wir fühlen uns dünnhäutig, schnell angegriffen und müssen unseren Standpunkt mit großer Dringlichkeit durchsetzen. Sobald eine solche Energie spürbar wird, ist es wichtig innezuhalten, die Dynamik anzuerkennen und sich miteinander zu fragen: Was passiert hier eigentlich gerade? Dabei kann es hilfreich sein, auch als Helferin erst einmal Stabilisierungsmethoden anzuwenden im Sinne eines dynamischen Dissoziationsstopps aufstehen, Fenster öffnen, durchatmen, Arme und Beine abklopfen und schütteln es geht heute nicht um Leben und Tod. Danach fällt es leichter, sich mit empathischem Abstand auseinanderzusetzen: Welche Gefühle sind bei jedem da und in welchem Zusammenhang stehen sie mit der (Trauma-)Geschichte des Kindes?

Schlussfolgerungen für die stationäre Praxis Dissoziative Kinder können ohne spezifische Behandlung nicht gesunden, Trauma wächst sich nicht aus! Im Gegenteil, die Stressfolgen verschlimmern sich über den Verlauf der Entwicklung. Im Allgemeinen lassen sich dissoziative Traumafolgen bei Kindern unter angemessenen Bedingungen und mit der entsprechenden Begleitung erfolgreich und schneller heilen als später, wenn sie erwachsen sind. Dafür brauchen diese Kinder traumasensible Hilfe, sowohl von den Mitarbeiter*innen in der Jugendhilfe als auch von therapeutischer Seite. Im Fall von Michael reicht es langfristig nicht aus, ein oder zwei Imaginationsübungen einzuüben. Diese können kurzfristig sehr hilfreich sein, aber wenn der Trigger stark genug ist,